Wie politisch darf Musik sein? Diese Frage beschäftigt die Popwelt nicht erst seit gestern. Nun ist das Thema aber wieder besonders aktuell, denn das Glücksgefühle-Festival in Baden-Württemberg, das dieses Wochenende stattfindet, hat die Band Alphaville kurzfristig ausgeladen.
Die Begründung: „Das Glücksgefühle-Festival steht für Musik, Freude und ein gemeinsames Festivalerlebnis, bei dem es nur darum geht, glücklich zu sein.“ Weiter heißt es im Statement der Veranstalter auf Instagram: „Aus diesem Grund bitten wir darum, gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen und politische Reden auf unserer Bühne zu unterlassen.“
Keine Einigung mit Alphaville
Mit der „Forever Young“-Band Alphaville hätten sich die Veranstalter nicht darauf einigen können, schreiben sie. Alphaville hätte sich bei früheren Auftritten bereits politisch geäußert. Als Veranstalter habe man das Recht, den Rahmen für das eigene Event festzulegen, heißt es in der Begründung.
Alphaville-Sänger Marian Gold äußerte sich ebenfalls auf Instagram zur Ausladung und sprach von einem „Maulkorberlass“. Die Ausladung bezeichnet er als Einschränkung der Meinungs-, Rede- und Kunstfreiheit. Und der Fall schlägt Wellen. Campino von den Toten Hosen hat den Fall am Mittwochabend bei einem Konzert in Münster kommentiert. Es sei „absurd, jemanden auszuladen, der sich gegen die AfD äußert oder gegen Trump.“ Für sie setze sich die Band Alphaville für die Demokratie ein. Im Anschluss holte die Punk-Band Marian Gold auf die Bühne.
Zuvor schon Diskussion um Band Kaffkiez
Die Alphaville-Ausladung ist schon der zweite Fall innerhalb weniger Tage, in dem es um die Frage geht, wie politisch Musiker sein dürfen. Vergangene Woche war bekannt geworden, dass die Band Kaffkiez den Kulturförderpreis der Stadt Rosenheim bekommen soll. Die AfD-Stadtratsfraktion Rosenheim hatte sich dagegen ausgesprochen. Wegen der „zunehmend aggressiven politischen Positionierung der Band“.
Im Interview mit Bayern2-Zündfunk erklärte Andreas Kohlberger, der Fraktionsvorsitzende der AfD im Stadtrat Rosenheim, dass Kunst und Politik voneinander getrennt sein sollten und Musiker auf der Bühne nicht über Politik und Politiker nicht über Musik sprechen sollten.
Musik = Politik?
Viele Künstler würden dagegen argumentieren, dass das, was AfD und das Glücksgefühle-Festival vertreten, schon von Natur aus unmöglich ist. So erklärte die Londoner DJ und Musikproduzentin mit palästinensischen Wurzeln, Hiba Salameh, im BR-Interview, dass es bereits ein politisches Statement sei, wenn sie als arabische Frau auf der Bühne steht und tourt.
Der Musikwissenschaftler Mario Dunkel von der Universität Oldenburg sagt in einem Interview auf der Uni-Website (externer Link), dass die Gesellschaft über Musik Konflikte austrage: „Strenggenommen hat Musik immer eine politische Ebene. Dies gilt selbst für scheinbar Unpolitisches wie Liebeslieder. So ist schon die Frage, wer über wen singt, ob ein Mann für eine Frau schwärmt oder umgekehrt, ob es eine gleichgeschlechtliche Konstellation ist, eine politische Frage.“
„Das System weiß, dass Musik gefährlich ist“
Künstler und Bands verarbeiten ihre Erfahrungen in Songs und Kunstwerken. Und ihre Erlebnisse sind von dem geprägt, was um sie herum passiert. Von gesellschaftlichen Veränderungen und Missständen, politischen Entscheidungen und auch eigenen Diskriminierungserfahrungen. Kunst kann genauso reale Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.
Genres wie Punk und Hip-Hop sind eng verbunden mit sozialen Bewegungen und sozialem Wandel. Welche Wirkung Kunst und Musik haben können, das sei Politikern sehr bewusst, sagt auch Enrico de Angelis, Sänger der italienischen Punkband Los Fastidios, im Interview: „Das System weiß, dass Musik wirklich gefährlich ist. Wenn es irgendwo ein neues Regime, einen Diktator gibt, dann ist das Erste, was sie verbieten, die Musik.“ Das zeige, sagt er, wie machtvoll Musik sei.
Glücksgefühle-Festival lädt Alphaville wieder ein
So autoritär will das Glücksgefühle-Festival nun aber wohl doch nicht sein. Und rudert in einem Interview mit der BILD-Zeitung (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt) zurück: „Wir laden Alphaville ein, wie geplant Teil des Festivals zu sein.“ Alphaville hat sich noch nicht dazu geäußert. Dafür aber Sänger Zartmann auf Instagram, der auch auf dem Festival auftreten wird. Er freue sich schon „aufs politische Statement beim Glücksgefühle-Festival.“

