Sie schießen wie Pilze aus dem Boden: Studien über Magic Mushrooms, die den Wirkstoff Psilocybin enthalten und beim Menschen einen psychedelischen Rausch auslösen. Gut 300 klinische Studien gibt es seither zu dem psychoaktiven Wirkstoff, der in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, aber bei Depressionen, Ängsten und Schmerzen helfen kann. Jetzt haben australische Forschende in einer im Fachblatt „Nature“ erschienenen Untersuchung [externer Link] gezeigt, dass die Pilzdroge offenbar eine verborgene Ordnung im Chaos schafft. Titel der Studie: „Psychedelika bringen die Gehirnaktivität mit dem Kontext in Einklang“.
Psilocybin bringt neue Struktur in die Hirnaktivität
Die halluzinogenen Pilze erzeugen bunte Bilder im Kopf. Muster scheinen zu atmen, zu fließen oder sich zu bewegen. Auch die australischen Wissenschaftler sehen auf ihren Bildschirmen bunte Bilder. Sie haben versucht, mit bildgebenden Verfahren nachzuzeichnen, was in den Köpfen der 62 gesunden Probanden passiert, wenn Psilocybin seine Wirkung entfaltet.
„Es scheint erst für Chaos zu sorgen, dann aber alles neu zu sortieren“, sagt der Psychologe Devon Stoliker von der Monash University in Melbourne: „Frühere Studien haben gezeigt, dass Psilocybin Gehirnnetzwerke stört, die unsere Wahrnehmung strukturieren: Verbindungen werden zufälliger, das Gehirn wirkt ungeordneter. Auch wir haben das beobachtet. Aber wir haben auch entdeckt, dass es eine verborgene Ordnung gibt inmitten dieser Unordnung.“
Unterschiedliche Hirnmuster bei Ruhe, Meditation, Film und Musik
Die Probanden der australischen Studie haben nach der Einnahme von Psilocybin ein Setting mit vier Phasen durchlaufen: Sie haben mit geschlossenen Augen geruht, eine geführte Meditation erlebt, einen Stummfilm angesehen und psychedelische Musik gehört. Mithilfe von KI konnten die Forschenden die genaue Gehirnaktivität jedes einzelnen Probanden mit bildgebenden Verfahren nachverfolgen.
Dabei zeigen sich spezifische Muster, die sich unterscheiden und je nach Phase, die sie durchlaufen, anders aussehen: „Es handelt sich nicht um reines Chaos. In der Unordnung des psychedelisch beeinflussten Gehirns liegt eine verborgene Ordnung, die das Erleben der jeweiligen Person widerspiegelt“, so der Hauptautor der Studie, Devon Stoliker.
Warum Musik und Geborgenheit bei Psilocybin wichtig sind
Besonders stark lassen sich die vier Phasen bei denjenigen in den bildgebenden Verfahren unterscheiden, die positiv auf die psychedelische Erfahrung reagieren und sich gut eingebettet fühlen. Der Psychiater Professor Gerhard Gründer vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim schildert aus seiner Erfahrung mit depressiven Patienten, wie wichtig das richtige Setting ist, damit ein Stoff wie Psilocybin gut wirkt: „Wir wissen, dass Musik wahrscheinlich sehr bedeutsam ist. Die genauen Gründe dafür kennen wir nicht. Die Studie aus Australien könnte helfen, hier einen Ansatzpunkt zu liefern.“
Was Psilocybin für die Behandlung von Depressionen bedeutet
In Australien und in einzelnen US-Bundesstaaten ist der medizinische Einsatz von Psilocybin bereits möglich. In Deutschland darf seit Juli 2025 das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim bei depressiven Patienten, bei denen andere Therapien nicht helfen, im Einzelfall Psilocybin im Rahmen einer Psychotherapie anwenden. Außerdem ist die OVID Clinic in Berlin dazu befugt. Überall anders in Deutschland ist Psilocybin zur medizinischen Anwendung nicht erlaubt. „Was wir brauchen, ist eine Zulassung eines ersten Psychedelikums, damit wir dann verantwortungsvoll diese Therapie in die Versorgung bringen können“, fordert Gerhard Gründer. Dies sei sein Anliegen für die nächsten Jahre.
Psilocybin und die Anpassungsfähigkeit des Gehirns
Studien mit depressiven und ängstlichen Menschen legen nahe, dass die Substanz unter anderem die Ausschüttung von Botenstoffen wie Dopamin im Gehirn ankurbelt. Das stimuliert das Wachstum neuer Nervenzellen und neuer Verbindungen zwischen ihnen, fördert also offenbar die sogenannte Neuroplastizität. Neue Gedanken und Denkmuster können leichter fallen und andere Gedanken und Grübeleien in den Hintergrund treten lassen.
Psychiater rät von Selbstversuchen ab – Risiko von Psychosen
Von Selbstversuchen rät Gerhard Gründer ab. Bei falschem Setting und falscher Dosis besteht das Risiko, durch die Einnahme von Psychedelika eine Psychose oder Schizophrenie auszulösen. Die aktuelle Studie gibt erste Hinweise, wer unter welchen Bedingungen von Psychedelika profitieren kann, also ob Ruhe, Meditation, Film oder Musik die stärkste Wirkung zeigen. So könnten sich medizinische Behandlungen künftig besser auf jede einzelne Person abstimmen lassen.

