Sie könnte für Tobias Kratzer ziemlich nervenaufreibend werden, die laufende Spielzeit. In Hamburg ist er seit gut einem Jahr Intendant der dortigen Staatsoper und hat dort gerade Verdis „Macbeth“ inszeniert. In München kommen auf ihn in dieser Saison gleich zwei große Wagner-Musikdramen zu: der vierstündige „Siegfried“ (29. Oktober) und die ähnlich lange „Götterdämmerung“ (27. Juni). Dafür sind jeweils rund sechswöchige Proben angesetzt. Er muss also zeitweise zwischen Elbe und Isar „pendeln“.
„Es stimmt jedes Vorurteil, was das Wetter betrifft“
„Gute Zeitplanung, gute Teamlösungen und eine fürchterliche CO2-Bilanz machen es trotzdem möglich“, scherzt er im Gespräch mit dem BR. Bei den Bayreuther Festspielen landete Tobias Kratzer mit seiner „Tannhäuser“-Deutung den größten Publikumserfolg der letzten Jahre. Als reisender Starregisseur hätte der Mann sein gutes Auskommen gehabt, trotzdem zog es den Oberbayern nach Hamburg, wo das dortige Opernhaus künstlerisch schwierige Jahre hinter sich hatte.
„Ich war ja auf das Schlimmste eingestellt, weil natürlich diese Vorurteile mir auch sehr, sehr oft entgegengetragen wurden und und ich muss sagen, ich habe das Hamburger Publikum hier als extrem offenherzig, warmherzig und auch mit offenen Armen uns empfangend erlebt“, so Kratzert: „Allerdings stimmt jedes Vorurteil, was das Wetter hier betrifft.“
„Wie fühlt sich das von innen heraus an?“
Mit dem Intendantenjob, der mit viel Verwaltungskram verbunden ist, scheint er kaum noch zu fremdeln: „Ich glaube, es ist sehr, sehr wichtig zu wissen, wo man herkommt, auch zu wissen, was man vielleicht noch nicht kann, um sich das dann entweder sehr kompetent und rasch anzueignen oder diese Kompetenzen in dem Team, mit dem man zusammenarbeitet, zu bündeln.“
Wichtig sei auch, wie sich alles „von innen“ anfühle: „Beobachten ist das eine, das ist auch beim Regieführen so: Bevor man das nicht zum ersten Mal selbst gemacht hat, kann man, glaube ich, auch nicht wissen, ob das ein Beruf ist oder sogar eine Berufung, die man sein Leben lang machen möchte.“
„Was wäre denn das Gegenteil?“
Der erste Spielplan von Tobias Kratzer war für das Publikum ziemlich herausfordernd. Viel Abseitiges, Unbekanntes, Neues wurde geboten, bevor er jetzt mit Verdis „Macbeth“ in seine zweite Saison startete.
Die Inszenierung war recht düster und karg und wurde teilweise ausgebuht. Das irritiert Kratzer allerdings nicht: „Ich fände es nicht spannend, einen Spielplan zu machen, der nicht auf die Neugier des Publikums setzt. Was wäre denn das Gegenteil? Das Gegenteil wäre, das zu bedienen, was man ohnehin schon kennt und in eine Wiederholungsschleife zu gehen. Dafür muss man nicht ein subventioniertes Haus führen, um das, was ohnehin schon alle tun und kennen, zu zeigen.“
Auf den Werbemitteln für „Macbeth“ war ein nackter Mann zu sehen, der sich an einen dünnen Baumstamm klammert, eine Arbeit des prominenten Züricher Kunstfotografen Tom Huber. Darüber regte sich die örtliche AfD auf und stellte prompt eine parlamentarische Anfrage an den Hamburger Senat [externer Link], weil das entsprechende Monatsprogramm „auch für Kinder und Jugendliche frei zugänglich“ sei.
Für Kratzer kein Grund zur Aufregung: „Man kann sagen, das ist ein Werbeplakat, aber ich finde, alles, was ein Opernhaus nach draußen gibt, ist natürlich auch in irgendeiner Form ein Beitrag zum Stadtbild, eine künstlerische Aussage. Über Kunst und künstlerische Aussagen, da kann man zu stehen, wie man will, entsteht Diskurs und das ist ja unsere Aufgabe.“
„Inszenierung hat keinen Ewigkeitswert“
Für seine Münchener „Götterdämmerung“ kündigt Kratzer eine politische Deutung an, womöglich mit aktuellen Bezügen: „Das ist ja das Schöne an der Opernregie, dass sie die Werke doch für den Tag, vielleicht nicht tagesaktuell, aber doch versucht, für ein gegenwärtiges Bewusstsein wieder nachvollziehbar, emotional relevant zu machen. Deswegen haben ja viele Inszenierungen auch eine gewisse Halbwertszeit, was auch gar nicht schlimm ist, weil die Inszenierung an sich keinen Ewigkeitswert für sich beanspruchen muss.“
Ohne Zweifel ist Tobias Kratzer, Jahrgang 1980, einer der interessantesten Opernmacher seiner Generation. Dass München und Hamburg davon gleichzeitig profitieren, ist ein Glücksfall für beide Metropolen.

