Mit 167 Kilometern pro Stunde schoss am 26. August die gewaltige Flut aus Wasser, Eis, Schlamm und Geröll durch das Tal an der Grenze zwischen Tibet und Nepal. Auslöser war ein Bergsturz am Nordhang des 7.227 Meter hohen Langtang Lirung in Nepal, der auch Teile eines Gletschers mit sich riss.
Das weckt Erinnerungen an ein Ereignis in der Schweiz im vergangenen Jahr: Am 28. Mai 2025 brach dort am Kleinen Nesthorn ein großer Teil des Birchgletschers ab. Zuvor waren mehrere Felsstürze auf dem Eis niedergegangen und hatten, wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich schreibt, so den Druck auf den Gletscher nach und nach erhöht (externer Link). Über neun Millionen Kubikmeter Felsgestein und Eis stürzten ins Tal und begruben das kleine Bergdorf Blatten fast vollständig unter sich. Doch wie stark ähneln sich beide Ereignisse tatsächlich –- und könnte sich eine Katastrophe wie in Nepal und Tibet auch in den Alpen ereignen?
Bergsturz in Nepal und Tibet: Eine fatale Kettenreaktion
Anders als in Blatten löste im Himalaya nicht ein Gletscher-, sondern ein Felssturz am Nordhang des 7.227 Meter hohen Langtang Lirung in Nepal die Katastrophe aus. Dabei wurden auch Teile eines Gletschers abgerissen, erklärt Holger Frey, Experte für Gefahren durch Gletscher- und Permafrost im Hochgebirge von der Universität Zürich: „In der Nepal-China-Grenzregion ist eine enorm große Masse an Fels abgebrochen, hat das Gletschereis mitgenommen und sich dann mit Wasser, das im Sediment gespeichert war, und dem Wasser im Fluss zu einer unvorstellbar großen Flutwelle aufgetürmt.“
Himalaya-Katastrophe: Woher kamen die Wassermassen?
Wie dieser Prozess genau ablief und woher die gewaltigen Wassermassen letztlich kamen, ist allerdings noch nicht vollständig geklärt. Zwar könnten die enormen Kräfte während des Bergsturzes große Teile des Gletschereises in Wasser umgewandelt haben. Doch ob das allein die freigesetzte Wassermenge erklärt, ist fraglich.
Hinweise auf einen sogenannten Gletscherseeausbruch, der zusätzlich Wasser freigesetzt haben könnte, gibt es nicht. Möglicherweise könnte laut Holger Frey im Gestein eingelagertes Wasser für die gewaltige Sturzflut mitverantwortlich sein.
Geländeform im Himalaya verstärkte die Wirkung der Flut
Ein weiterer Unterschied: Der Gletschersturz in Blatten war nicht nur deutlich kleiner als der am Langtang Lirung. Dort fehlten offenbar auch große im Boden oder im Gestein gebundene Wassermengen, die eine Flutwelle hätten auslösen konnten. Zudem unterscheidet sich die Topographie, also die Form der Täler in den Alpen von denen im Himalaya-Gebirge: „Es gibt steilere, längere, sehr enge Täler, die auch dazu beigetragen haben, dass diese Flutwelle über 100 Kilometer so zerstörerisch sein konnte“, erklärt Holger Frey.
Sturzflut in den Alpen: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich
Es gilt daher als sehr unwahrscheinlich, dass es in den Alpen zu einer ähnlichen Katastrophe wie die in Nepal und Tibet kommen könnte. Völlig auszuschließen ist das laut Holger Frey allerdings nicht. Auch dieses Gebirge ist von Permafrost durchsetzt, der langsam abtaut. Das macht viele Hänge instabil und sie können abbrechen.
Für Markus Aufleger, Professor für Wasserbau an der Universität Innsbruck, sind Ereignisse wie die Flut in Nepal ein Weckruf. Bedingt durch den Klimawandel werden sich Fels- und Gletscherabbrüche auch in den Alpen häufen. Bei Schutz- und Wasserbauten wie Talsperren müsse man umdenken: „Wir müssen die Resilienz verstärken. Das heißt, Wasser- und auch andere Bauwerke müssen stärker daraus ausgelegt werden, dass etwas passieren kann, womit wir bislang nicht gerechnet haben.“
Staudämme sollten verstärkt werden
Komplett vor Sturzfluten schützen lassen sich die Alpentäler durch Schutzbauten jedoch nicht. Allerdings könnten schon relativ einfache Maßnahmen dazu beitragen, eine Flutkatastrophe zu verhindern, betont Markus Aufleger, zum Beispiel, oben auf einem Damm große Steine zu verteilen. Für ihn ist allerdings konsequenter Klimaschutz die wichtigste Maßnahme, um zukünftige Katastrophen zu vermeiden.
Alpen: Besseres Frühwarnsystem als im Himalaya
Was im Alpenraum jetzt schon insgesamt recht gut funktioniert, ist die Überwachung von absturzgefährdeten Bereichen im Hochgebirge. In Blatten konnte dank intensiver Überwachung und rechtzeitiger Warnung das später verschüttete Dorf rechtzeitig evakuiert werden.

