Die ersten Drehbücher schrieb Erfolgsautorin Annette Hess heimlich. Grund dafür: An der Berliner Universität der Künste (UdK), wo sie in den 1990er Jahren Szenisches Schreiben studierte, konzentrierten sich die Mitstudierenden ganz auf Theaterstücke. Fernsehen und Film waren deutlich weniger angesehen, aber Annette Hess merkte schnell, dass gerade diese Medien ihr persönlich mehr lagen als Bühnenstoffe.
Wie sich bald herausstellte, hat sie tatsächlich ein großes Talent, historische Themen unterhaltsam für das Fernsehen aufzubereiten. Ihre Serie „Weissensee“ über das Leben einer Stasi-Familie in der DDR wurde ebenso ein Publikumserfolg wie ihre „Kudamm“-Saga im ZDF über die Nachkriegszeit in Westberlin. Der Bezahlsender Disney+ machte aus ihrem Roman „Deutsches Haus“ 2023 einen Fünfteiler über die Verstrickungen einer Frankfurter Gastwirtsfamilie in den Holocaust.
„Man erreicht die Leute vielleicht nicht mehr emotional“
„Das ist ja die Art, wie ich erzähle“, so Annette Hess: „Erst mal eine nette Tanzschule zeigen, so wie bei Kudamm, und dann stellt sich raus, diese Mutter ist eine ganz schlimme Narzisstin. Die Tochter wird vergewaltigt und sie sagt: ‚Na, du wirst ihn auch irgendwie provoziert haben.‘ Ich hole die Leute erst mal rein in eine gemütliche Welt, in eine gemütliche Kneipe wie bei ‚Deutsches Haus‘, und dann tröpfle ich die brutalen Wahrheiten rein.“
„Deutsches Haus“ (2018) wurde vom Hamburger Thalia-Theater jetzt erstmals für die Bühne bearbeitet. Es geht darin um den Frankfurter Auschwitz-Prozess Mitte der 1960er, als große Teile der deutschen Öffentlichkeit, vor allem die Täter, mit der jüngeren Vergangenheit gern abschließen, den berüchtigten „Schlussstrich“ ziehen wollten. Inzwischen, so Annette Hess, wollen viele Deutsche abermals vor den Zumutungen der Geschichte bewahrt werden.
„Mit diesem historischen Erzählen, was da mal Schlimmes passiert ist, erreicht man vielleicht die Leute nicht mehr emotional“, so ihre Befürchtung: „Deshalb wäre die Frage: Wie würde ich heute dieses Buch schreiben, um zu mahnen? Darum geht’s ja: Was passiert, wenn man Faschisten wählt? Was passiert, wenn Faschisten in der Regierung sind?“
Unter „Auschwitz“ stand im Lexikon ein Vierzeiler
Ihr Roman „Deutsches Haus“ müsste wegen der aktuellen Bedrohungen der Demokratie womöglich komplett neu geschrieben werden, so Hess. Sie verweist darauf, dass sie beim Schreiben ein deutsches Konversationslexikon aus dem Jahr 1960 in die Hände bekam, in dem unter dem Stichwort „Auschwitz“ fast nichts zu erfahren war.
„Unter Auschwitz stand ein Vierzeiler“, so Hess: „Auschwitz sei ein Eisenbahnknotenpunkt in Polen und zu Zeiten des Nationalsozialismus ein berüchtigtes Konzentrationslager gewesen, Punkt. Das ist die ganze Information, die in den Eichen-Schrankwänden der Deutschen stand. Natürlich gab es Familien, in denen alles bekannt war, aber die Durchschnittsgesellschaft wollte von nichts wissen.“
Ob sich das Thema Auschwitz für eine Fernsehserie im Stil von „Weissensee“ oder „Kudamm 56“ eignet, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Am TV-Fünfteiler „Deutsches Haus“ gab es herbe Kritik, er sei zu trivial und gefühlig geworden, trotz der Starbesetzung mit Henry Hübchen, Heiner Lauterbach und Iris Berben.

