Wie kann es sein, dass sich scheinbar normale Menschen an Kriegsverbrechen und Völkermorden beteiligen? An der Universität Regensburg findet aktuell eine Tagung zu genau dieser Frage statt. Forschende aus verschiedenen Disziplinen besprechen dort den derzeitigen Stand der sogenannten Gehorsamkeitsforschung. Mit dabei sind Forschende aus der Psychologie und Geschichtswissenschaft, aber auch aus der Neurologie.
Das Milgram-Experiment: Sind Deutsche besonders hörig?
Die Tagung, organisiert vom Psychologen Felix Götz, zeigt: Die Gehorsamsforschung erlebt eine Renaissance. Lange galt diese Disziplin als ausgestorben. Unter anderem wegen einer kontroversen Forschungsarbeit – dem Milgram-Experiment. Felix Götz: „Erst seit 2009 wagen sich Wissenschaftler:innen wieder an das Thema – wenn auch unter strengeren ethischen Auflagen.“
Das Milgram-Experiment fand vor 65 Jahren statt und ist auch Anlass für die aktuelle Tagung. Denn es löste in der Psychologie lange Debatten über Forschungsethik aus: 1961 wollte sich der Psychologe Stanley Milgram mit der „Germans-are-different“-These befassen. Die Annahme, nur Deutsche seien zu dem Schrecken des Holocausts fähig gewesen, weil sie einzigartig obrigkeitshörig seien. Sein Versuch sollte zeigen: In den USA wäre so etwas nicht möglich.
Gehorsam über die eigenen Grenzen hinaus
In Milgrams Versuch sollten Probanden als „Lehrer“ einem „Schüler“ Stromschläge verpassen, wenn dieser Fehler bei einer Gedächtnisaufgabe machte. Ein Versuchsleiter forderte sie auf, die Stromstärke nach jedem Fehler zu erhöhen – bis in den potenziell tödlichen Bereich. Weder die „Schüler“ noch die Stromschläge waren echt, doch die Probanden wussten das nicht. Mit Sätzen wie „Es ist absolut notwendig, dass Sie weitermachen“ überredeten die Versuchsleiter die Teilnehmer, ihre Gewissensbisse zu ignorieren. Die meisten gehorchten bis zum Maximum, trotz der simulierten Schmerzensschreie der „Schüler“.
Das Ergebnis war klar: Unter bestimmten Umständen sind ganz normale Menschen bereit, Gewalt anzuwenden – nicht nur in Deutschland.
Kritik und Neuauflage des Milgram-Experiments
Trotz Unsauberkeiten in der Methodik der Studie von Milgram konnten ähnliche Versuche vergleichbare Ergebnisse aufzeigen. Das Experiment blieb aber umstritten. „Ab den 1980er-Jahren galt die Gehorsamkeitsforschung als ethisch nicht mehr vertretbar“, so der Psychologe Felix Götz. Zu groß waren die Bedenken, dass die Teilnahme an einem solchen Experiment den Probanden psychisch schade.
Doch seit 2009 wagen sich Forschende wieder an ähnliche – wenn auch stark entschärfte – Versuche. Und jetzt, 65 Jahre nach Milgrams Experiment, organisiert Felix Götz an der Universität Regensburg eine Tagung, die die moderne Gehorsamkeitsforschung in den Fokus rückt. „Es gibt heute eine neue Generation von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die sich von Milgram inspirieren lassen“, so Götz.
Was passiert bei Gehorsam im Gehirn?
Eine der Dozierenden auf der Tagung ist die Neurowissenschaftlerin Emilie Caspar von der Universität Gent in Belgien. In ihrer Forschung untersucht sie unter anderem, wie Gehorsam das Gehirn beeinflusst. Ihre Erkenntnis: Befehlen Autoritätspersonen Gewalt, reduziert das bei Tätern das Einfühlvermögen für Opfer. In Experimenten zeigte sich, dass Probanden, die auf Anweisung handelten, weniger Aktivität in Hirnregionen aufwiesen, die mit Mitgefühl und Schuld verbunden sind. „Gehorsam macht es leichter, andere zu verletzen“, so Caspar.
Völkermorde: Propaganda entmenschlicht die Opfer
Ihre Arbeit geht noch weiter: Sie forscht auch zu Menschen, die an den Völkermorden in Ruanda und Kambodscha vor einigen Jahrzehnten beteiligt waren, sowie aktuell mit israelischen Soldaten. Sie stellte fest, dass viele ihre Taten mit dem Argument rechtfertigten, sie hätten nur Befehle befolgt oder sich nur verteidigt.
Caspars Theorie: Wenn das Gegenüber mit Propaganda entmenschlicht und als Bedrohung dargestellt wurde und dann eine Autoritätsfigur die Gewalt anordnet, dann sind Menschen leicht zu teils brutaler Gewalt fähig. „Viele Täter sagten, sie hätten nicht einmal in Betracht gezogen, dass es eine Alternative gibt“, erklärt Caspar.
Widerstand gegen Befehle zur Gewalt
Doch es gibt Hoffnung: Vorbilder und moralische Wegweiser können Menschen vorleben, wie man Widerstand leistet. So steigt die Chance, dass sich ihr enges Umfeld ähnlich entscheidet – gegen den Befehl zur Gewalt. Für Caspar ist es eine der großen Zukunftsfragen, was wir aus der kleinen Minderheit an moralischen Wegweisern lernen können.

