Arnie hat heute eine wichtige Aufgabe: Der Artenspürhund soll die bedrohte Bachmuschel in einem Bach bei Landshut finden. Seine Besitzerin Irene Wagensonner hat in einer Plastiktüte eine Geruchsprobe dabei. Dann schnüffelt Arnie entlang der Wasserkante. Wagensonner weiß, worauf sie achten muss: Setzt Arnie sich hin, ist es ein Zeichen dafür, dass er die Muscheln gefunden hat.
Und es klappt: Der Hund der Rasse Berger de Picardie entdeckt schließlich eine ganze Reihe der Schalentiere. Ohne Arnie hätte Wagensonner den Bach im Bachbett abgehen müssen, um Muscheln zu finden. Die Gefahr, dass sie einige dabei versehentlich zertritt, wäre groß gewesen.
Die Herausforderung: Arten erschnüffeln – ohne sie zu stören
In Eigenregie hat Wagensonner ihren Hund zum Artenspürhund ausgebildet. Wagensonner ist Biologin. Die Herausforderung: Arnie soll nicht nur bedrohte Arten erschnüffeln, sondern auch seine Bezugsperson darauf hinweisen – ohne die Tiere zu stören.
Wagensonner hat ihr Tier darauf trainiert, nicht zu bellen oder zu scharren, sobald es den gesuchten Geruch wahrnimmt, sondern schlicht „Sitz“ zu machen. „Ich muss natürlich drauf achten, dass der Hund nicht zu nah rangeht, aber das hab ich vorher schon mit ihm geübt. Normalerweise müsste er jetzt eineninhalb bis zwei Meter Abstand halten“, so Wagensonner.
So konnten durch Arnie schon viele Tiere gefunden und geschützt werden. Er hilft besonders bei Käfern, die oft nachtaktiv sind und zum Kartieren mit Fallen gefangen werden müssen, oder bei Reptilien, die nur bei schönem Wetter aktiv sind und sich selbst dann meist versteckt sonnen. Für Biologen sind sie schwer zu finden.
Gleiches gilt für nachtaktive Amphibien wie Feuersalamander, die nur im Frühjahr kurz an Bächen zum Absetzen ihrer Larven auftauchen und sonst versteckt im Wald leben.
Studien: Hunde können besser Arten aufspüren als Menschen
In Deutschland ist das Verfahren, mit Hunden Arten aufzuspüren, noch relativ neu, während es etwa in Nordamerika schon weitverbreitet ist. Dabei zeigen Studien, dass die Methode riesiges Potenzial birgt. Führend in der deutschsprachigen Forschung ist Annegret Grimm-Seyfarth, Professorin für Artenvielfalt und Naturschutz an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. In einer Auswertung von Studien hat sie gezeigt, dass in 90 Prozent der untersuchten Fälle Hunde bedrohte Arten besser aufspüren können als Menschen durch klassische Methoden.
Deutsche Bahn setzt Spürhunde bereits ein
Genutzt werde das Potenzial von Spürhunden heute bereits bei der Kartierung von Totfunden unter Windkraftanlagen. Etwa Fledermäuse, die durch Rotorblätter zu Tode gekommen sind, spüren Hunde zuverlässig auf.
Größtes Praxisbeispiel, so Grimm-Seyfarth, sei die Deutsche Bahn. Diese beauftrage regelmäßig Neukartierungen des Geländes an Bahntrassen, um vor Neuverlegungen oder Reinigungen das Artenvorkommen zu prüfen. Dazu setzt sie eine eigene Spürhundestaffel ein.
Es fehlt an standardisierter Ausbildung
Davon abgesehen komme die Methode in Deutschland aber noch kaum zum Einsatz – denn es fehlt an einer standardisierten Ausbildung und somit einer Hundeprüfung und -zertifizierung. „Dadurch, dass die Hundehalter ihre Tiere in der Regel selbst trainieren, kann es zu Fehlern in der Ausbildung kommen“, sagt Grimm-Seyfarth. Sie forscht auch am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.
Die Folge: Behörden seien zurückhaltend, was die Anerkennung von Artenspürhunden betrifft. Um das zu ändern, brauche es zunächst eine Prüfungsordnung und ausgebildete Trainer.
UN beraten über Artenschutz
Arten aufzuspüren und zu erfassen, ist für den Natur- und Artenschutz von großer Bedeutung. Die Erde erlebt derzeit ein massenhaftes Aussterben von Arten. Auch die Biomasse geht insgesamt zurück. Getrieben wird das Artensterben vor allem durch den Verlust von Lebensräumen, zum Beispiel durch das Roden von Wäldern für landwirtschaftliche Flächen, aber auch durch den Klimawandel, Umweltverschmutzung und Übernutzung wilder Tierbestände, etwa bei der Fischerei. Derzeit berät die 17. UN-Biodiversitätskonferenz in Jerewan, Armenien, darüber, wie sich das Artensterben in den kommenden Jahren stoppen lässt.

