Luise ist auf dem Heimweg vom Querflötenunterricht, als sie von drei jungen Frauen angesprochen wird. Vor einem Jahr war das. Luise ist da 14 Jahre alt. Die Frauen sagen, sie bereiten ein Uni-Referat über Gott vor und fragen, ob sie es ihr kurz vorstellen dürfen. „Dann habe ich gesagt: Ja klar, kein Problem“, sagt Luise.
Sie nimmt ihre Kopfhörer ab und schaut sich eine Präsentation an, die ihr die drei Frauen auf einem Tablet zeigen. Die Frauen an der U-Bahn machen ihr Komplimente. Sie tauschen Handynummern aus. „Ich bin auch ganz lächelnd in die U-Bahn gestiegen“, sagt Luise. „Ich dachte mir: Ach, die finden mein Outfit cool und die waren ja so nett.“ Danach schreibt eine der Frauen Luise eine Nachricht, fragt, ob sie gut nach Hause gekommen sei. „So wie so eine Freundin“, erinnert sich Luise. Keinen Moment lang kommt ihr der Verdacht, dass hinter der netten Begegnung eine religiöse Gruppierung stehen könnte.
Sind Jugendliche aktuell stärker gefährdet?
Eine typische Strategie, sagt Matthias Pöhlmann. Er ist Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche Bayern. „Das könnte man auch als Love Bombing bezeichnen“, sagt Pöhlmann. „Also überschwängliches Lob, damit man so die Hürden abbaut.“
Aktuell sieht er für Jugendliche ein größeres Potenzial, in sektenähnliche Gruppen zu geraten. Eine Umfrage von Infratest dimap zeigt: Gut ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen sucht stärker als früher nach Sinn und Gemeinschaft. „Da entstehen natürlich Sinnfragen und die Suche nach tragfähigen Antworten“, sagt Pöhlmann. Er befürchtet, dass problematische Gruppen das nutzen und gezielt junge Menschen ansprechen. Eindeutige Belege gibt es dafür noch nicht.
Was tun, wenn Jugendliche in eine Sekte geraten
Wenn Jugendliche in eine problematische Gruppe geraten, rät Pöhlmann Angehörigen, Hilfe bei Beratungsstellen zu suchen und vor allem mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben. Besonders wichtig dabei: erstmal zuhören und nicht nur kritische Fragen stellen. „So eine Vertrauensebene ist sehr wichtig, um im Gespräch zu bleiben“, sagt der Weltanschauungsexperte. Luise erzählt ihrer Mutter von der Begegnung. Die rät ihr, skeptisch zu bleiben. Im Chat mit einer der Frauen fragt Luise schließlich, zu welcher Organisation sie gehören. Ihre Antwort: Church of God.
Die Church of God heißt in Deutschland „Gemeinde Gottes des Weltmissionsvereins“, eine südkoreanische neureligiöse Bewegung. Weltanschauungsbeauftragter Pöhlmann rät zu Vorsicht, denn die Strukturen und Ziele der Organisation würden nicht klar kommuniziert. Bitten um nähere Informationen würden in der Regel abgeblockt. „Das sind schon Warnsignale, die man nicht übersehen sollte.“
Luise wird immer wieder zu Bibelgruppen eingeladen. Hingehen will sie aber nicht und erfindet immer wieder Ausreden. „Dieses Dringliche, das weiß ich auch noch, dass ich das ein bisschen gruselig fand.“ Luise wird der Kontakt irgendwann zu unangenehm. Sie blockiert die Frau.

