„Die Nowaja Gaseta wurde getötet“, sagt Sergej Sokolow. Diese Formulierung mag pathetisch klingen, aber der Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“ spielt damit auch auf die Kollegeninnen und Kollegen bei der Zeitung an, die wegen ihrer Recherchen getötet wurden: Igor Domnikow, Jurij Schtschekotschichin, Stanislaw Markelow, Anastasia Barburowa, Natascha Estimirowa und natürlich Anna Politkowskaja (externer Link zu tagesschau.de).
Chefredakteur Sokolov: „Das ist nicht nur unsere private Geschichte“
Sie alle hatten sich nicht einschüchtern lassen und unerschrocken dafür gekämpft, dass Russland die Wahrheit erfährt: über Korruption, über ein verrohtes Land, über Sadismus in der russischen Armee, über Kriegsverbrechen in Tschetschenien, über Gerichte, die kein Recht sprechen, sondern Befehle der Macht, über Willkür oder das Bündnis aus KGB und Kapital.
Ab Montag berichtet niemand mehr. Putins Zensur (externer Link zu Reporter ohne Grenzen) hat auch die letzte unabhängige Stimme unter den russischen Medien zum Schweigen gebracht. Man müsse die Redaktion räumen, sagt Sokolow. Außerdem schalten die Behörden das Spendensystem ab, über das sich die Zeitung finanzierte. Fast fünf Jahre konnten wir trotz der Beobachtung der Geheimdienste weiterarbeiten, nun ist alles vorbei“, konstatiert er bitter. „Und das ist nicht nur unsere private Geschichte, das ist die Geschichte eines Landes und einer Gesellschaft, die so zugrunde gerichtet wird.“
„Lieber irgendwie arbeiten, als gar nicht arbeiten“
Lange pflegten die Journalistinnen und Journalisten der „Nowaja Gaseta“ das Motto „Lieber irgendwie arbeiten, als gar nicht arbeiten“. Mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine 2022 führte die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor eine militärische Zensur ein. Tausende Journalisten flohen ins Ausland. Den Krieg durfte man nicht Krieg nennen.
Die „Nowaja Gazeta“ stellte daraufhin ihre gedruckte Produktion ein, doch sie schaffte es wundersamerweise, online weiter zu berichten. In Riga gründeten junge Redaktionsmitglieder außerdem die „Nowaja Gaseta Europe“, deren Chefredakteur der Friedensnobelpreisträger Dmitrij Muratow ist. In Russland ist dieser Ableger natürlich verboten.
Schon im April hatte die Moskauer Redaktion eine Razzia mit maskierten Polizeikräften über sich ergehen lassen müssen. Der Investigativjournalist Oleg Roldugin war ins Visier der Obrigkeit geraten, weil er über Korruption unter ranghohen Beamten sowie bei Dmitrij Medwedjew und Ramsan Kadyrow recherchiert hatte. Er wurde festgenommen, bislang steht er unter Hausarrest, ihm drohen viele Jahre Lagerhaft.
Erinnerung an den stalinistischen Terror
Sergej Sokolow, bei dem auch schon eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat, mahnt seine Landsleute in seinen Abschiedsworten denn auch zu gebotenem Realismus. In den Gefängniszellen stürben „Menschen, keine Ziffern“, sagt er und erinnert sogar an den stalinistischen Terror der 1930er-Jahre. Welche Stimme in der russischen Medienlandschaft gibt es, die diese Dinge in Zukunft ansprechen wird?
Die Journalisten der „Nowaja Gaseta“ waren immer in Eile, nein, nicht in Eile, sie waren im Sturm, im Flug. Da war so viel, was es aufzudecken, zu analysieren, zu berichten gab. Wie viel Angst Putin und sein Regime vor diesen Fakten und der Wahrheit haben, für die die Zeitung steht, zeigt ihre erzwungene Schließung. Um die Journalisten und die Leserinnen und Leser der „Nowaja Gazeta“ ist es jetzt noch einsamer in Russland geworden.

