Ist ein Land im Krieg, verändert sich alles. Auch der Alltag fernab der Front: die Nachrichten, das öffentliche Leben, das Miteinander. Wegzappen, zu Hause bleiben, Gesellschaft meiden – klar, das sind legitime Vermeidungsstrategien, auch im Land des Aggressors. Und doch muss man sich die Frage stellen, ob man durch die eigene Untätigkeit und das Hinnehmen von Verbrechen nicht zum Mittäter wird. Wie schnell Moral und Werte verfallen können, zeigt der russische Filmemacher Andrey Zvyagintsev in seinem vielschichtigen Drama „Minotaurus“.
Gleb und Galina, ein Unternehmerpaar aus der fiktiven Kleinstadt Krasnoborsk in der Nähe von Moskau, sind Gefangene ihrer sorgsam arrangierten Parallelwelt. Sie wohnen in einem eleganten Betonbungalow mit Blick auf einen Waldsee, die Firma läuft, der Teenagersohn ist künstlerisch begabt und bringt gute Noten nach Hause. Doch perfekt ist hier nur die Oberfläche. Gleb vermutet, dass Galina ihn betrügt und will herausfinden, mit wem.
60er-Jahre-Thriller von Claude Chabrol als Vorlage
Bis hierhin hat „Minotaurus“ allerlei Parallelen zu seiner filmischen Vorlage, dem 60er-Jahre-Thriller „Eine untreue Frau“ von Claude Chabrol. Beide inszenieren eine in die Brüche gegangene Ehe und decken die deformierte Psyche hinter der kultivierten Fassade auf. Doch die Version von Andrey Zvyagintsev blickt noch einige Ebenen tiefer in den Abgrund der Gesellschaft.
Denn „Minotaurus“ spielt im Jahr 2022, dem Jahr der russischen Mobilmachung. Der bereits begonnene Invasionskrieg gegen die Ukraine ist präsent, aber nie zu sehen. Eben weil ihn viele bewusst ausblenden. Fährt Gleb seine Frau in die Stadt, sieht man mal einen Kriegsversehrten im Rollstuhl, mal einen vorbeifahrenden Kleinwagen mit einem Z auf der Heckscheibe, dem Zeichen der Unterstützung für das russische Militär in der Ukraine. Nichts davon wird kommentiert, alles ist neue Normalität. Und schlimmer noch: Nebensache.
Ukraine-Krieg: nie ausgesprochen und doch allgegenwärtig
Die tristen Straßen, die Galina kurz darauf auf dem Weg zu ihrem Liebhaber überquert, sind gespenstisch leer. Unter anderem, weil viele junge Männer massenweise das Land verlassen haben, um dem Militärdienst zu entgehen. Wer geblieben ist, kann von einem Tag auf den nächsten als Reservist eingezogen werden. Kanonenfutter, das auch aus Glebs Angestelltenkreis eingefordert wird für die „militärische Spezial-Operation“ – denn von Krieg ist natürlich nie die Rede. Das klingt dann so: „Vierzehn Leute. Nächsten Donnerstag reichen Sie die persönlichen Daten der Mitarbeiter mit genau diesem Formular ein. Verstanden?“
Werteverfall der russischen Gesellschaft
Karge Dialoge waren schon immer ein Markenzeichen von Zvyagintsevs Filmen. Doch selten steckte in ihnen so deutliche Systemkritik. In wenigen Zeilen thematisiert er staatliche Willkür, seelenlose Bürokratie und die Schuld des Einzelnen – dürfen die Firmenchefs ihre Angestellten doch wie Leibeigene behandeln und nach wirtschaftlicher Rentabilität aussortieren. Selbst in einer 20-minütigen, vollkommen dialogfreien Szene erzählt der im französischen Exil lebende Regisseur viel über seine kalt und berechnend gewordene Heimat – obwohl der Fokus der Szene auf dem eskalierenden Beziehungsdrama liegt.
Und obwohl in diesem elegant und mit gedämpfter Farbpalette inszenierten Albtraum primär eine patriarchale Welt an den Pranger gestellt wird, in der das Recht des Stärkeren gilt – dass auch Frauen und Kinder durch blinde Akzeptanz Mitschuld tragen am Werteverfall der russischen Gesellschaft, daran lässt Zvyagintsev keinen Zweifel.

