Grund für niedrigere Zielwerte: Neue Forschungsergebnisse
Dass die Fachgesellschaften die Cholesterin-Zielwerte gesenkt haben, lässt sich erklären – durch Fortschritte in der Forschung. Der Kardiologe Raphael Schmieder vom Herzzentrum München erklärt im Gespräch mit dem #Faktenfuchs, dass in der Medizin immer zuerst die kränksten Patienten behandelt und dabei Daten gesammelt werden: „Man weiß: Ok, die haben profitiert. Dann wird der Grenzwert gesenkt und es folgen die nächsten Studien, wo man tiefere Grenzwerte ansetzt, um zu erfahren: Ist noch niedriger noch besser?”“
Viele Studien wie beispielsweise der Harvard Medical School oder der University of Chicago zeigen inzwischen, dass niedrigere LDL-Cholesterinwerte das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfälle weiter senken können. Raphael Schmieder sagt: „Wir können in Leitlinien immer nur Aussagen und Empfehlungen treffen, wenn wir eine gute Datengrundlage haben. Und inzwischen haben wir eben die Daten, um zu sagen: Wenn jemand schon einen Herzinfarkt hatte, dann sollte er seinen LDL-Cholesterinwert auf unter 55 senken, weil er davon profitiert.“
Stefan Kabisch bestätigt das und widerspricht den kursierenden Falschbehauptungen im Netz: „Es ist also nicht dieser immer wiederkehrende Vorwurf, die Pharmaindustrie würde die Taschen voll machen und möglichst jedem diese Tabletten verschreiben, sondern es gibt konkrete Studiendaten, die tatsächlich nahelegen, dass diese Einnahme wirklich sinnvoll ist.“
Evidenz zu Statinen beruht nicht allein auf pharma-finanzierten Studien
Es ist zwar richtig, dass Pharmaunternehmen manche Studien mitfinanzierten – das bestätigen auf Anfrage sowohl der Pharma-Verband Deutschland als auch Kardiologe Schmieder vom Deutschen Herzzentrum. Gerade bei Arzneimittelstudien ist dies laut Schmieder gängige Praxis, weil große klinische Studien sehr aufwändig und ohne eine entsprechende Finanzierung häufig in diesem Umfang nicht durchführbar wären. Doch dass eine Studie von einem Pharmaunternehmen finanziert wird, mache ihre Ergebnisse nicht automatisch weniger aussagekräftig. Wichtig sei, dass die Finanzierung transparent offengelegt und die Studien nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt werden, erklärt Schmieder. Dazu gehöre etwa, dass Ergebnisse nicht nur dann berichtet werden, wenn sie für den Sponsor günstig sind.
Was LDL-Cholesterinwerte und Statine angehe, sei die Lage klar, so Schmieder: „Bei etablierten Therapien wie Statinen kommt hinzu, dass das Wissen über deren Nutzen nicht auf einzelnen pharma-finanzierten Studien beruht. Hier gibt es eine sehr große und über Jahrzehnte gewachsene Evidenzbasis aus randomisierten Studien, unabhängigen Metaanalysen sowie Register- und Versorgungsdaten. Die konsistenten Ergebnisse dieser unterschiedlichen Datenquellen bestätigen den Nutzen der Statintherapie.“
Statine sind als Generika verfügbar
Mehr als 50 Unternehmen in Deutschland bieten statinhaltige cholesterinsenkende Medikamente an. Das antwortet der Branchenverband Pharma Deutschland auf eine Anfrage des #Faktenfuchs. Patentschutz bestehe für Statine nicht mehr. Stefan Kabisch ordnet ein: „Diese Medikamente werden deshalb auch preiswert von Generika-Herstellern produziert und vermarktet.“ Der Gewinn, den Unternehmen durch Herstellung und Verkauf solcher Medikamente erzielen können, sei daher deutlich geringer.
Laut Angaben von Pharma Deutschland ist die Zahl der abgegebenen Packungen von Statinen seit 2022 um etwa 15,5 Prozent auf 34,1 Millionen gestiegen. Der Umsatz betrug im Jahr 2025 rund 192,4 Millionen Euro und ist damit seit 2022 um etwa 4 Prozent gestiegen.
Auf den einzelnen Patienten gerechnet betragen die durchschnittlichen Arzneimittelausgaben für Statine laut Angaben der Krankenkassen auf eine Anfrage des #Faktenfuchs an DAK, AOK und des Dachverbands der Betriebskrankenkassen (BKK) in Deutschland rund 45 bis 80 Euro pro Jahr. Außerdem verdienten laut BKK Pharmafirmen potentiell auch an Herzinfarkten und der daraus folgenden Medikamentengabe mit. Unabhängig davon sei es jedoch wichtig zu berücksichtigen, dass die Vermeidung eines Herzinfarkts vor allem menschliches Leid verhindere.
Wenige und eher harmlose Nebenwirkungen
Die Nebenwirkungen, die bei der Einnahme von Statinen auftreten können, sind nach Einschätzung von Kabisch und Schmieder überschaubar. Inzwischen gebe es große systematische Untersuchungen über Nebenwirkungen aller Statine, etwa von der University of Oxford. Schwerere Nebenwirkungen seien extrem selten.
Aus der Lipidambulanz des Herzzentrums München, wo der Kardiologe Raphael Schmieder arbeitet, kennt er Patienten, die über Muskelschmerzen klagen. Vier bis sechs Wochen nach Beginn der Statin-Einnahme würden daher Leber- und Muskelwerte kontrolliert. In Absprache mit dem Patienten passten seine Kollegen und er dann die Dosis an, auch ein Präparat-Wechsel sei bei Bedarf möglich. „Statine haben definitiv deutlich mehr Nutzen als Risiken, sonst würden wir sie auch nicht einsetzen.“
Fazit
Studien belegen: Niedrigere LDL-Cholesterinwerte reduzieren das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Daher empfehlen medizinische Fachgesellschaften heute niedrigere LDL-Zielwerte als früher.
Besonders Menschen mit hohem Risiko, etwa nach einem Herzinfarkt, können von cholesterinsenkenden Medikamenten, sogenannten Statinen, profitieren. Diese Medikamente sind gut erforscht, wirksam und haben in aller Regel geringe Nebenwirkungen. Statine sind inzwischen als günstige Generika verfügbar, sodass die Gewinnspanne für Pharmaunternehmen bei diesen Präparaten eher gering ist.

