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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Auch in Bayern: Antiquariate für KI-Training geplündert
Kultur

Auch in Bayern: Antiquariate für KI-Training geplündert

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 7. Juli 2026 17:50
Von Uta Schröder
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6 min. Lesezeit
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Ganz viele Einzelbestellungen an die gleiche Adresse in den USA seien es gewesen, berichtet Bernhard Kitzinger vom Münchner Antiquariat J. Kitzinger. Das habe ihn stutzig gemacht: „Bücher, die um die zehn Euro Warenwert lagen, und dann über 30 Euro Versand gekostet haben.“ Jeder vernünftige Mensch würde die Bücher in einer Sammelbestellung ordern und so nur einmal das teure Porto zahlen. Dazu kam, dass es „eigentlich völlig uninteressante Bücher“, gewesen seien, „Ladenhüter, billigste Preise“.

Inhaltsübersicht
Einkaufstour durch Europas AntiquariateWissenschaftliche Werke der 70er, 80er und 90er JahreFair-Use-Klausel greiftAuch in Deutschland vermutlich zulässigWissensspeicher der Menschheit

Einkaufstour durch Europas Antiquariate

Das Antiquariat von Bernhard Kitzinger in München war eine von unzähligen Anlaufstellen einer groß angelegten Einkaufstour des kanadischen Unternehmens Zoom Books. In ganz Europa hat die Firma zwischen Ende April und Mitte Juni Bücher in Antiquariaten gekauft (externer Link). Der Verdacht: Die Bücher werden eingescannt, um damit KIs zu trainieren. Zoom Books hat auf eine Anfrage des BR nicht reagiert.

Eigentlich bietet die Firma das Recycling von Büchern an. Und auch die Bücher aus den Antiquariaten werden nach dem Einscannen wohl entsorgt bzw. recycelt (externer Link). Schon beim Einscannen werden sie zerschnitten: Der Buchrücken wird entfernt, damit die einzelnen Seiten maschinell gescannt werden können.

Wissenschaftliche Werke der 70er, 80er und 90er Jahre

Erst seien die Bestellungen in die USA gegangen, erzählt Bernhard Kitzinger in Übereinstimmung mit anderen Berichten, später dann in den sächsischen Ort Kodersdorf nahe der polnischen Grenze. Aus den Einzelbestellungen wurden Sammelbestellungen. Gefragt waren vor allem wissenschaftliche Bücher aus den 1970er, 80er und 90er Jahren – keine kostbaren Einzelstücke, sondern schwer verkäufliche Massenware.

Dass die Bücher wohl allesamt zerstört und entsorgt werden, scheint vor diesem Hintergrund verkraftbar, auch wenn ein unguter Beigeschmack bleibt. „Wenn ich irgendwann mal aufhöre oder wenn ich umziehen muss, dann hätte ich die Bücher eh entsorgt“, sagt auch Antiquar Bernhard Kitzinger. „Das sind ja keine kostbaren Handschriften. Also, dass hier irgendwelche Werte zerstört würden, das ist nicht der Fall.“

Wahrscheinlich spielte es für den technischen Kaufvorgang eine Rolle, dass erst seit 1970 Bücher eindeutig durch die ISBN, die Internationale Standardbuchnummer, identifizierbar sind – und damit auffindbar. Sollte dieser digitalisierte Buchschatz tatsächlich zum Training von KIs genutzt werden, speist sich das KI-Wissen jedenfalls aus Erkenntnissen, die 30 bis 50 Jahre alt sind. Vielleicht geht es aber auch nur um die Sprache in diesen Büchern – wobei auch die ja eine spezielle, eben wissenschaftliche ist. Vielleicht geht es aber auch nur darum, immer noch mehr Material heranzuschaffen für die KI – ohne sich um das Urheberrecht sorgen zu müssen.

Fair-Use-Klausel greift

Weil die Bücher erst in den USA mutmaßlich zerschnitten und entsorgt werden, greift US-Recht, wie die auf internationales Urheberrecht spezialisierte Juristin Prof. Dr. Linda Kuschel von der Bucerius Law School in Hamburg erklärt. „Es gibt in den USA die Fair-Use-Klausel, die im Copyright Act niedergelegt ist“, so Kuschel. Wenn man ein Buch physisch besitzt, erlaube diese Klausel unter bestimmten Umständen auch das Einscannen eines Buches zum Trainieren einer KI.

Derzeit laufen in den USA allerdings noch mehrere potenziell richtungsweisende Gerichtsverfahren, unter anderem klagt die New York Times gegen die ChatGPT-Entwicklerfirma OpenAI. Erst deren Ausgang wird die Details in der Abwägung, ob die Fair-Use-Klausel beim KI-Training tatsächlich greift, klären.

Auch in Deutschland vermutlich zulässig

Auch in Deutschland ist das Vorgehen von Zoom Books wohl erlaubt: Es sei eine „im Moment intensiv diskutierte Frage“, so Linda Kuschel, „ob diese Vervielfältigung zum Zwecke des Trainings von generativer KI von der Text-und-Data-Mining-Schranke gedeckt ist“. Diese Schranke stammt aus einer europäischen Richtlinie, die Frage liegt gerade beim Europäischen Gerichtshof (EuGH). „Die ersten Entscheidungen von nationalen Gerichten tendieren aber dahin, zu sagen: Das ist davon gedeckt, das Training von KI ist eine Form von Text-und-Data-Mining.“

Interessanterweise verhält es sich beim reinen Einscannen der Bücher und einem anschließenden Verkauf dieses Datensatzes laut Linda Kuschel anders: „Das wäre sowohl nach US-Urheberrecht als auch nach deutschem Urheberrecht eine Urheberrechtsverletzung.“ Sollte die eigentlich auf das Recycling von Büchern spezialisierte Firma Zoom Books die digitalisierten Bücher also nicht selbst einer KI zuführen, sondern lediglich diesen Datensatz anderen KI-Unternehmen anbieten, könnte das also Probleme geben.

Wissensspeicher der Menschheit

Am Ende ist weder die rechtliche Zulässigkeit noch die moralische Anrüchigkeit der entscheidende Punkt bei diesem neuartigen Vorgang. Viel wichtiger könnte sein, was die KI-Modelle mit dem Wissen aus den Büchern machen: Eröffnen sie uns neue Möglichkeiten für unsere Arbeit und Freizeit? Oder transportieren sie überholtes Wissen und alte Vorurteile?

Es blitzt zudem eine neue Bedrohung am Horizont auf: Noch ist die KI weit davon entfernt, der alleinige Wissensspeicher der Menschheit zu sein. Doch angesichts dieser neuesten Einverleibungstaktik der Tech-Konzerne wächst die Bedeutung von Antiquariaten, von Bibliotheken und Archiven als dezentralem, allen zugänglichem Archiv des Wissens.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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