Wenn die EU-Kommission Wegovy in Tablettenform zulässt, gibt es in Europa erstmals eine orale Therapie mit dem Wirkstoff Semaglutid zur Gewichtskontrolle. Für viele Patientinnen und Patienten mit Adipositas kann das eine Erleichterung sein. Aber sind die neuen Tabletten genauso effektiv und sicher wie die Spritzen, die es schon gibt?
Abnehm-Spritze oder Pille: Gleicher Wirkstoff – gleiche Wirkung?
Der entscheidende Punkt: „Das ist genau der gleiche Wirkstoff, egal ob oral eingenommen oder als Spritze“, sagt Katharina Timper, Direktorin der Klinischen Ernährungsmedizin am TUM Klinikum rechts der Isar. Wegovy enthält Semaglutid. Die Substanz ahmt das Darmhormon „Glucagon-like Peptide-1“ nach, das Hunger und Appetit dämpft und die Sättigung verstärkt. Wenn die Pille „ganz korrekt eingenommen wird, dann gibt es eigentlich auch keinen Unterschied bezüglich der Effizienz“, erläutert Timper.
Studien stützen diese Einschätzung: Laut Studiendaten [externer Link] konnten Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht unter oralem Semaglutid nach 64 Wochen im Schnitt ihr Gewicht um etwa 14 Prozent reduzieren – in Kombination mit einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr körperlicher Aktivität. Bei der Spritze waren es innerhalb von 72 Wochen bis zu 19 Prozent [externer Link]. Auch das Nebenwirkungsprofil ist vergleichbar: Häufig sind Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Durchfall, Verstopfung oder Erbrechen. Seltener können Gallenprobleme oder eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse auftreten.
Unterschiede in der Anwendung
Der große Unterschied liegt in der Anwendung. „Die Vorteile der Spritze sind ganz klar, dass man sich nur einmal in der Woche darum Gedanken machen muss“, sagt Timper. Die Tablette dagegen muss täglich nach genauen Regeln eingenommen werden: nüchtern am Morgen, mit wenig Wasser, danach mindestens 30 Minuten nichts essen, nichts trinken und keine anderen Medikamente einnehmen. „Wenn man das nicht einhält, dann sinkt die Verfügbarkeit des Wirkstoffes und damit auch die Effektivität rapide ab“, erklärt Timper.
Für wen ist die Wegovy-Pille gedacht?
Wegovy ist für Menschen mit Adipositas gedacht, also in der Regel ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30. Außerdem kann es für Betroffene mit einem BMI ab 27 infrage kommen, wenn gewichtsbedingte Begleiterkrankungen vorliegen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) empfiehlt die Tabletten nur für Erwachsene, also ab 18 Jahren. Als Spritze ist Wegovy bereits ab zwölf Jahren zugelassen.
Neu ist vor allem: Die Hürde „Injektion“ fällt weg. „Es gibt doch viele Menschen, die Vorbehalte haben, sich Medikamente zu spritzen“, sagt Jens Aberle, Endokrinologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Wenn Sie eine Person fragen, möchten Sie ein Medikament lieber spritzen oder als Tablette nehmen, dann sagen 90 Prozent: lieber als Tablette.“
Das kann Patientinnen und Patienten helfen, für die Spritzenangst bisher ein echtes Hindernis war. Aberle sieht aber auch ein Risiko: Tabletten könnten „noch leichter verfügbar“ erscheinen und „auch bei nicht bestehender Indikation eingenommen werden“. Deshalb sei wichtig, „immer wieder zu betonen, dass die Anwendung dieser Substanzen, egal ob Tablette oder Spritze, immer medizinisch begleitet werden soll“.
Viele neue Adipositas-Medikamente in der Entwicklung
Die neue Wegovy-Pille ist nur ein Schritt in einem sehr dynamischen Forschungsfeld im Bereich Adipositas. In den USA ist mit Orforglipron [externer Link] bereits eine weitere GLP-1-Tablette zugelassen. Dazu sorgt vor allem das Spritzen-Medikament Retatrutid für Aufmerksamkeit: Das Präparat, das nicht nur an einem Hormonrezeptor ansetzt wie Wegovy oder an zwei wie Mounjaro, sondern sogar an drei, erreichte nach Angaben des Herstellers [externer Link] in der höchsten Dosierung im Schnitt mehr als 30 Prozent Gewichtsverlust nach zwei Jahren. 2027 wird mit einer Zulassung gerechnet.
„Das ist ein extrem dynamisches Forschungsgebiet und es gibt wirklich viele neue Präparate, die in klinischer Entwicklung sind“, erzählt Aberle, der selbst an der Studie zu Orforglipron mitgewirkt hat. Der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller spricht von mehr als 70 weiteren Adipositas-Medikamenten [externer Link], die derzeit weltweit erforscht werden. „Wir müssen verstehen, wer braucht welches Medikament, wer profitiert am meisten von welchem Präparat“, betont Timper. Deshalb gehe es nicht nur um stärkere Mittel, sondern um Wirkstoffe und Kombinationen, die zu unterschiedlichen Krankheitsprofilen passen, so Timper: „Individuelle Adipositas-Therapie ist die Zukunft“.

