Die aus München stammende Christine Wunnicke ist am Samstagabend von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung bei einem Festakt in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis 2026 ausgezeichnet worden. „Ich danke herzlich für den wunderbaren Büchner-Preis. Ich bin immer noch perplex“, sagte Wunnicke am Abend im dortigen Staatstheater. Der seit 1951 vergebene und mit 50.000 Euro dotierte Preis zählt zu den wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.
Streichen macht sie am liebsten
„Was ich beim Schreiben am liebsten tue und am besten kann, ist Streichen“, sagte Wunnicke in ihrer Dankesrede. Deshalb seien ihre Bücher irgendwann so kurz geworden. Als sie die Dankesrede geschrieben habe, habe sie auch angefangen zu streichen und am Schluss sei nur ein Satz übriggeblieben. Da habe sie sich entschlossen, lieber Büchner zu lesen und sich in die Bahn zu setzen.
„Ich lese oft im öffentlichen Nahverkehr, weil ich mich da so gut konzentrieren kann.“ Sie erzählte von ihren Beobachtungen von Menschen und ihrer Umwelt. „Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang“, bilanzierte sie. Sie wolle immer auf alles schauen und staunen.
Jury sieht „subtilen Sprachwitz“
Christine Wunnicke werde für ihr stets überraschendes und souverän konzipiertes Erzählwerk geehrt, hatte die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung die Entscheidung begründet. Wunnickes brillante Kunst mache im vermeintlich Historischen das Fiktionale sichtbar und ermögliche so einen entlarvenden Blick auf die europäische Wissenschafts- und Kolonialgeschichte. „Wie nur selten vereinen sich in diesen Romanen, getragen von subtilem Sprachwitz und dem Verzicht auf Selbstreferenz, das Unterhaltende und die anspruchsvolle Reflexion auf so großartige wie diskrete Weise.“
Zuletzt erschienen war 2025 der Roman „Wachs“. Darin erzählt die Schriftstellerin vom berühmtesten französischen Anatomen des 18. Jahrhunderts. Und der war kein hochdekorierter Herr-Professor-Doktor, sondern eine Frau: Marie Biheron aus Paris. In „Wachs“ entsteht, in vielen Rückblicken, das Bild ihres Lebens im Ancien Régime. „Wie kann einen das nicht faszinieren, dass eine 13-Jährige an geklauten Leichen im Schlafzimmer-Selbststudium Anatomie lernt“, sagt die Schriftstellerin über ihre Hauptfigur. „Da braucht man einen wahnsinnig starken Willen. Und wie die ihren komischen, schrägen Weg dort gemacht hat.“
Wunnicke erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis und den Literaturpreis der Landeshauptstadt München. Zudem waren ihre Romane bereits mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. Als Büchner-Preisträgerin folgt sie auf Ursula Krechel, Oswald Egger und Lutz Seiler.
Weitere Preisträger geehrt
Die Wissenschaftshistorikerin Anke te Heesen wurde bei dem Festakt mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa ausgezeichnet. Der Autor und Literaturkritiker Helmut Böttiger bekam den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Beide Preise sind mit 20.000 Euro dotiert.
Mit Material von dpa

