Herzogenaurach liegt bekanntlich jenseits des Limes. Doch auch hier trägt man Tunika. Bei Philipp Löhle jedenfalls befindet sich die Heimat der Gebrüder Dassler in der Einflusssphäre des römischen Reichs. Folglich wachsen auch keine Flutlichtmasten in den Bühnenhimmel, sondern Tempelsäulen. Und das Wunder von Bern, das Deutschland im berühmten regnerischen Fritz-Walter-Wetter dank der Bodenhaftung-gebenden Stollenschuhe aus dem Hause Adidas zum Fußballweltmeister machte – dieses Wunder von Bern trägt sich hier nicht im Stadion zu, sondern, na klar, im Kolosseum.
Adidas goes Altertum. Und Puma wird dabei dann wohl zum Ausstatter der punischen Kriege. Philipp Löhle hat in seinem Stück „Die Erfindung der Schuhe“ am Staatstheater Nürnberg die Geschichte der konkurrierenden Sportartikelimperien in die Zeit des Imperium Romanum verlegt. Das Ergebnis: ein Sportkomödie irgendwo zwischen Persiflage eines Monumentalfilmdramas vom Kaliber „Ben Hur“ und Parodie auf die antike Tragödie – antiker Chor inklusive.
Originelle Ideen und lustige Anspielungen
Für das große Sandalendrama müssen im Stück freilich erst die Voraussetzungen geschaffen werden. Anfangs tappsen nämlich alle barfuß umher, piksen und stoßen sich dabei schmerzhaft an Stock und Stein, ehe Adilius, der Tüchtige, wie Adolf „Adi“ Dassler hier heißt, mit Strick und Stoff den ersten sandalenartigen Schnürschuh erfindet, der die Fußsohlen schützt. Zur Befestigung von Dornen als Spikes ist es da nur noch ein kleiner Schritt. Bruder Rudolf, genannt der Schöne, kümmert sich um den schönen Schein, sprich ums Marketing. Dumm nur, dass sich die Brüder schon als Kinder nie grün waren. Der Bruderzwist ist vorprogrammiert.
Philipp Löhles Stück und Inszenierung strotzen vor originellen Ideen und lustigen Anspielungen. Wie er jüngere Zeitgeschichte in die Antike projiziert – das sorgt für eine Komik, die an den Humor der Monty Pythons‘ Bibelsatire „Das Leben des Brian“ erinnert. Oder an die besten Asterix-Hefte. „Göttlich“, wie die römischen Orgien-Besucher in diesen Comics wohl sagen würden. Die Geschichte von Aufstieg und Aufspaltung eines Familienunternehmens in zwei Rivalen um Markanteile wäre aber durchaus auch der Stoff für echtes Drama.
Rudolf und Adolf Dassler waren Profiteure der NS-Herrschaft
Rudolf und Adolf Dassler waren Profiteure der NS-Herrschaft. Sie traten in die NSDAP ein, weil sie sich wirtschaftliche Vorteile davon versprachen, produzierten in ihrer Schuhfabrik zeitweilig Panzerabwehrwaffen und beschäftigten Zwangsarbeiter. Philipp Löhle spart diese Dimension zwar nicht aus, albert aber weitgehend über die Abgründe hinweg.
Da regen sich dann doch Zweifel, ob der Römerfasching, den Löhle inszeniert hat, wirklich der schlauste Weg war, sich diesem Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte zu nähern – zumal der wahre Kern des Zerwürfnisses zwischen den Dassler-Brüdern in schwerstwiegenden wechselseitigen Vorwürfen der Denunziation in den Wirren der letzten Kriegstage und Nachkriegszeit liegt.
Indem Löhle den Streit aber über weite Strecken eher als kindische Sandkasten-Kabbelei zweier bockiger Buben in Szene setzt, drückt er sich um eine ernsthafte Auseinandersetzung. So bleibt dieser Abend: ein kolossales, kurzweiliges Vergnügen, verspielt aber die Chance, sich den spannenden Fragen nach Verrat und Verantwortung zu stellen, die sich angesichts der Historie eigentlich aufdrängen.

