An den amerikanischen Traum glaubt Michel Franco nicht mehr. Bei der Weltpremiere von „Dreams“ auf der Berlinale erinnerte der mexikanische Regisseur zugleich daran, dass Amerika von Einwanderern aufgebaut wurde. Dieser Gedanke wirkt wie der Schlüssel zu seinem Film. Denn Franco erzählt keine klassische Liebesgeschichte. Sein Film handelt von einem Traum, der für manche greifbar erscheint – und für andere unerreichbar bleibt.
Eine Liebe mit Machtgefälle
Fernando kommt aus Mexiko-Stadt. Er ist talentiert, ehrgeizig und Balletttänzer. Um sich in den USA eine Zukunft aufzubauen, überquert er illegal die Grenze und schlägt sich bis nach San Francisco durch. Dort lebt Jennifer, eine wohlhabende Kunstmäzenin, die er bereits aus Mexiko kennt. Zwischen den beiden besteht eine leidenschaftliche Beziehung. Doch schnell wird klar: Sie leben in völlig unterschiedlichen Welten.
Jennifer stammt aus einer reichen Familie, die mit Stiftungen Kunst- und Kulturprojekte fördert. Nach außen gibt man sich liberal, weltoffen und sozial engagiert. Fernando dagegen besitzt nichts außer seinem Talent. Schon dieser Gegensatz bestimmt die Dynamik ihrer Beziehung. Während Jennifer glaubt, helfen zu können, will Fernando als gleichwertiger Partner wahrgenommen werden. Genau daraus entwickelt Michel Franco den zentralen Konflikt seines Films.
Macht, Geld und die Regeln der Zugehörigkeit
Dabei interessiert ihn weniger die konkrete Migrationspolitik als die Frage, wie Macht in Beziehungen wirkt. Wer entscheidet? Wer setzt die Regeln? Und was passiert, wenn einer der Beteiligten plötzlich nicht mehr bereit ist, die ihm zugedachte Rolle zu spielen?
Franco erzählt das mit einer für ihn typischen Kühle. Seine Kamera beobachtet die Figuren oft aus Distanz. Lange Einstellungen lassen Gespräche und Konflikte wirken, ohne sie emotional zu kommentieren. Das erinnert an frühere Filme des mexikanischen Regisseurs wie „New Order“ oder „After Lucia“, in denen gesellschaftliche Ungleichheit ebenfalls zum Ausgangspunkt persönlicher Katastrophen wurde.
Besonders stark ist Jessica Chastain als Jennifer. Nach ihrer Zusammenarbeit mit Franco bei „Memory“ spielt sie erneut eine Figur voller Widersprüche. Jennifer liebt Fernando, daran lässt der Film kaum Zweifel. Gleichzeitig bleibt sie Gefangene ihrer Herkunft, ihres gesellschaftlichen Umfelds und der Erwartungen ihrer Familie. Chastain spielt diese innere Zerrissenheit mit beeindruckender Präzision. Ihre Jennifer strahlt Selbstbewusstsein aus und wirkt doch erstaunlich abhängig von den ungeschriebenen Regeln ihrer Welt.
An ihrer Seite überzeugt Isaac Hernández als Fernando. Der Mexikaner ist im echten Leben Solotänzer beim renommierten American Ballet Theatre in New York und übernimmt mit „Dreams“ seine erste große Filmrolle. Immer dann, wenn der Film ihn tanzen lässt, gewinnt er eine Leichtigkeit, die den restlichen Szenen fast vollständig fehlt. Auf der Bühne scheint Fernando frei zu sein. Im Alltag zieht sich die Schlinge um ihn immer weiter zu.

