Der Rücktritt von Bärbel Bas hat ein Thema ins öffentliche Bewusstsein gerückt, über das im Berufsleben nur selten gesprochen wird: Trauer. Als einen Grund für ihre Entscheidung nannte die Politikerin den unverarbeiteten Tod ihrer Stieftochter. Doch was passiert, wenn Menschen einen schweren Verlust erleben – und gleichzeitig im Job funktionieren sollen?
Wenn die Trauer mit zur Arbeit kommt
Wer einen nahestehenden Menschen verliert, lässt seine Trauer nicht einfach an der Bürotür zurück. Die Gedanken schweifen ab, sich konzentrieren fällt schwer. Und manchmal reicht schon eine Kleinigkeit, um einen völlig aus der Bahn zu werfen.
„Das Allerdringendste ist Verständnis für die Situation“, sagt Franziska Offermann im Gespräch mit BR24. Die Trauerbegleiterin und Traumafachberaterin aus Gauting bei München berät Unternehmen zu Trauer am Arbeitsplatz. Ein schwerer Verlust bedeute für Betroffene enormen Stress.
Aber auch Kollegen und Vorgesetzte fühlen sich oft hilflos. Sagt man lieber gar nichts, bevor man etwas Falsches sagt? Oder rät man dem Trauernden erst einmal dazu, sich krankschreiben zu lassen?
Genau das beobachtet Professor Dorothea Alewell, Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Personalwirtschaft an der Universität Hamburg. Sie forscht aktuell zu Trauer am Arbeitsplatz. „Wir hören aus den Betrieben an vielen Stellen, dass eben diese Hilflosigkeit im Umfeld auch dazu führt, dass die Trauernden eher so ein Stück weit isoliert werden“, sagt sie im Gespräch mit dem BR.
Warum Arbeit in der Trauer sogar guttun kann
Dabei kann gerade die Arbeit für Trauernde ein wichtiger Halt sein. Vertraute Abläufe können Halt geben, wenn zu Hause nichts mehr ist wie vorher.
„Trauer braucht auch mal Pause“, sagt Offermann. Für manche Menschen könne es entlastend sein, wieder eine Aufgabe zu haben und sich als handlungsfähig zu erleben. „Da funktioniert meine Welt“, beschreibt sie dieses Gefühl. Andere bräuchten erst einmal Ruhe und Abstand.
Wichtig sei deshalb, gemeinsam herauszufinden, was der betroffenen Person guttut. Auch Alewell plädiert für „mehr Flexibilität in den Arbeitsabläufen, mehr Arbeitszeitflexibilität“. Trauernde könnten zeitweise kaum konzentriert und wenige Stunden später wieder voll leistungsfähig sein.
Drei Tipps: Wie Kollegen helfen können
Was sagt man aber zu einem Menschen, der gerade jemanden verloren hat? Offermann, die auch Sprecherin des Bundesverbands Trauerbegleitung ist, kennt diese Unsicherheit. Ihre wichtigste Botschaft: Man muss nicht die perfekten Worte finden.
- Anteilnahme zeigen: Ein ehrliches „Es tut mir sehr leid“ oder „Mein Beileid“ kann schon viel bedeuten. Wer unsicher ist, kann einfach fragen: „Darf ich dich darauf ansprechen?“ Wichtig ist vor allem, dass es ehrlich gemeint ist.
- Echtes Interesse zeigen: Auch ein „Wie geht’s dir?“ ist völlig in Ordnung – wenn man die Antwort wirklich hören möchte. Oft hilft ein konkretes Angebot: „Brauchst du Unterstützung?“ oder „Kann ich etwas für dich tun?“
- Zuhören und offen bleiben: Manche Trauernde möchten über ihren Verlust sprechen. Andere sind froh, wenn sie bei der Arbeit einfach mal an etwas anderes denken können. Und was heute guttut, kann morgen schon anders sein. Deshalb: zuhören und schauen, was die Person gerade braucht.
Trauer darf im Betrieb kein Tabu sein
Offermann sieht dabei vor allem Führungskräfte in der Verantwortung. Unternehmen könnten Ansprechpartner benennen und klären, wie sie in einem Trauerfall kommunizieren. Sie berichtet von einer Behörde, die sogar eine Mitarbeiterin für Trauersprechstunden freigestellt habe.
Auch Alewell fordert, sich der Trauer nicht einfach zu entziehen: „Wir gehen aktiv mit der Trauer um, wir gehen dem Problem nicht aus dem Weg“, beschreibt sie, was Unternehmen erreichen sollten. Mehrere Betroffene hätten ihr in den Interviews gesagt: „Ich wusste noch zehn Jahre später ganz genau, wer damals in welcher Situation was zu mir gesagt hat, was ich so verletzend empfunden habe.“
Ein schwerer Verlust könne sogar dazu führen, dass Menschen ihren Beruf oder ihren Arbeitgeber grundsätzlich infrage stellen. Gerade dann zeigt sich, wie menschlich ein Arbeitsplatz ist. Für Offermann braucht es dafür oft gar nicht viel. Ihr wichtigster Rat an Vorgesetzte und Kollegen: „Hört euch offen zu!“

