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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Putin und Dirndl – das Münchner Designer-Duo Talbot/Runhof
Kultur

Putin und Dirndl – das Münchner Designer-Duo Talbot/Runhof

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 19. April 2026 10:47
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Wladimir Putin, der den Eiffelturm wie einen Karnevalshut trägt, als Print auf einem schicken, aufwändig geschneiderten Oberteil. Das Stück stammt aus der Kollektion „From Russia with Love“ von 2015 und ist jetzt zu sehen in der Ausstellung „Celebrating Fashion – Talbot Runhof in Paris“ im Textil- und Industriemuseum in Augsburg. Unter dem Bild von Putin steht: „Besuchen Sie Paris, bevor er es tut.“

Inhaltsübersicht
Große Fragen auf StoffMit Humor gegen SchwulenfeindlichkeitFilme als Inspirationsquelle

Im Jahr 2014, bevor das provokante Oberteil in Paris zu sehen war, hatte Russland die Krim annektiert und ein niederländisches Verkehrsflugzeug über der Ukraine abgeschossen. Da konnten und wollten die Modemacher Johnny Talbot und Adrian Runhof nicht wegsehen. Runhof erklärt: „Das Thema hat uns so aufgewühlt, dass wir irgendwann gesagt haben, das ist das Thema, was uns am allermeisten durch den Kopf geht.“

Also nutzten sie ihre Modenschau in Paris, um ein kritisch-ironisches Statement abzugeben: „Wir müssen diese Plattform nutzen, um unsere Meinung zu sagen. Weil wenn wir nicht unsere Meinung sagen und wenn wir sie nicht jetzt sagen, dann werden wir sie eines Tages vielleicht gar nicht mehr sagen können.“

Große Fragen auf Stoff

Denn bei Mode geht es nicht nur um Stoff, sie wirft ganz grundsätzliche Fragen auf: Wie wollen wir leben? Was wollen wir sein? Ein Kennzeichen der Entwürfe von Talbot und Runhof: ein gewisses Augenzwinkern, neben einer großen Freude an Luxus und Hedonismus. Und all das in tragbare Kleider gepackt.

Sehr schön zu sehen an einer Kollektion, die um das Thema Cord kreist. Wobei unter Cord jetzt bitte nicht das Beige deutscher Oberstudienräte verstanden werden soll. Ihr Cord ist fast unsichtbar. Nur wer sehr dicht herangeht, sieht auf einem in abstrakten Mustern bedruckten Kleid in kräftigen Farben ganz, ganz schmale, sich kaum erhebende Cordstreifen. Warum gerade dieser als „altmodisch“ beleumundete Stoff?

Mit Humor gegen Schwulenfeindlichkeit

Der Anlass, eine ganze Kollektion dem Thema Cord zu widmen, war ein Foto einer christlichen Fundamentalistin. Die hatte an einer New Yorker Uni das Schild „Homosexuality is a sin. Christ can set you free“ in die Luft gehalten. Statt ihr das Plakat zu entreißen, reagierte ein Student mit einem humoristischen Gegenplakat, erzählt der in den USA geborene Johnny Talbot. „Chris Pesto, er war Student, ist vorbeigelaufen, hat diese Dame gesehen.“

Dann sei er nach Hause gegangen, habe ein Stück Papier genommen, und habe geschrieben: „‚Corduroy skirts are a sin‘ – ‚Cordröcke sind eine Sünde‘. Und diese Dame stand da in einem ganz schrecklichen Cordrock. Und er stand dann neben ihr mit einem großen Grinsen im Gesicht.“ Ob alle Käuferinnen der Cord-Kollektion von Talbot/Runhof diese Geschichte kannten? Vielleicht nicht. Aber Geschichten sind ein Unterfutter von Mode – und wer sie kennt, trägt Kleidung anders, vertraut ihr anders, vertraut sich anders.

Filme als Inspirationsquelle

Aber keineswegs alle Kollektionen sind politisch gefärbt. Sehr viele Kleider spielen auf bekannte Filme wie „Die roten Schuhe“, „Down with Love“ oder „Sound of Music“ an. Das Musical um die österreichische Familie Trapp hat das Designer-Duo zu einer Dirndl-Kollektion angeregt. Allerdings spielen sie mit den traditionellen Vorgaben. Der Lodenstoff eines Dirndls ist mit einem irisierenden Unterfaden unterlegt und zum Kleid gibt es einen dezent schillernden Mantel aus Pfauenfedern.

Historisch waren Pfauenfedern ein probates Mittel, um sich von der Menge abzuheben. Mit diesem historischen Schmuck reagierten die Modeschöpfer auf den Ort, an dem sie ihre Schau zeigten: das Palais Beauharnais. Heute die deutsche Botschaft in Paris – damals ein Geschenk Napoleons an die Preußen. Eigentlich aber sollte seine Frau Josephine es bekommen, erklärt Talbot: „Sie durfte das einrichten. Und sie und ihr Sohn, die haben so viel Geld ausgegeben, dass Napoleon entsetzt war. Er hat es dann dem König von Preußen gegeben.“ Also ein Raum voller Geschichten und üppigem Dekor: „Und wir mussten einfach Opulenz hier in diesen Räumen zeigen. Es musste großes Kino sein.“

Ganz großes Kino ist auch die Ausstellung „Celebrating Fashion – Talbot Runhof in Paris“ im Textil- und Industriemuseum in Augsburg. Über 100 Abend- und Cocktail-Kleider, Videos von Modenschauen und sogar ein nachgebauter Raum, in dem sich nachempfinden lässt, wie eine Modenschau abläuft. Schöne Kleider, die tatsächlich etwas zu erzählen haben.

Die Ausstellung im tim Augsburg mit über 100 Modellen läuft noch bis zum 25. Oktober.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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