Simone Winter, zu Hause am Moniberg, einem Stadtteil von Landshut, wird von ihrer Familie gerne als „Sonnenschein“ bezeichnet. Sie hat auch ein sonniges Gemüt. Sie braucht nur möglichst geregelte Tagesabläufe, wenig Überraschendes und sonst viel Unterstützung.
Simone ist mit einer geistigen Beeinträchtigung auf die Welt gekommen, wohl die Folge einer Röteln-Impfung ihrer Mutter während der Schwangerschaft. Am häufigsten steht ihr ihre jüngere Schwester Bettina zur Seite. Sie und Simone, „Tini-Wini“ und „Simmi“, sind die Hauptfiguren in „Schwestern“, dem neuen Roman von Thomas von Steinaecker.
Von „Dirty Dancing“ zur Geschichte
„Die Ausgangsposition beim Schreiben war: Es passiert überhaupt nichts – und dann mal schauen, was in meinem Kopf entsteht“, sagt der in Augsburg lebende Schriftsteller über sein Buch, seinen insgesamt siebten Roman. „Und dann saß da plötzlich Bettina am Faschingsdienstag bei einer Party und verkleidet als ‚Baby‘ aus ‚Dirty Dancing‘ – und rührt sich nicht.“ Dann wollte Thomas von Steinaecker wissen, wo diese Figur herkommt, warum sie da sitzt und was sie will. Und dann kam die große und gleichzeitig auch kleine Schwester. Klein, weil sie Unterstützung braucht.
Bettina, nicht wirklich ein Party-Freak und auch sonst immer mal in „Abgrundaugenblicken“ versunken, erlebt diesen Faschingsdienstag als Studienanfängerin in München. Sie hat sich für das Lehramt in Deutsch und Anglistik entschieden, träumt aber eigentlich davon, die Schauspielschule zu besuchen und Entfaltung auf der Bühne zu finden. Und sie sehnt sich sehr danach, weniger Verantwortung für Simone zu tragen, sich zu lösen. Der Roman zeigt eindrücklich, wie schwer ihr das gelingt. Auch, weil ihr die ältere Schwester viel bedeutet.
Drei Tage im Leben der Schwestern
Thomas von Steinaecker hat für den Roman eine raffinierte Erzähl-Konstruktion gewählt. „Schwestern“ spielt an drei Tagen, einmal am Faschingsdienstag 1989, dann bei einer Theateraufführung im August 2014 und schließlich im September 2037. Die Geschichte entfaltet sich zudem ausschließlich in inneren Monologen von Bettina und auch anderen wichtigen Figuren in ihrem Leben. Und diese Rückblicke – stets auch Rückblicke auf die jeweilige Zeit und ihre gesellschaftlichen Themen, darunter etwa die Atomkraft – sind, wie Gedankenströme, beständig in Bewegung.
Immer wieder schon hat Thomas von Steinaecker in seinen Büchern eine nahe, mögliche Zukunft in den Blick genommen und diese ganz beiläufig skizziert. So auch hier. Bettina ist im Jahr 2037 – im Hintergrund spielt sich ein Krieg ab – Inhaberin einer Hundepension im Regental. Ihre Erinnerungen kreisen auch um die letzten gemeinsamen Jahre mit der älteren Schwester. Von hoher Intensität etwa die Schilderung ihres Todes, ihres Weges „nach drüben“, auf die andere Seite des Moniberges über Landshut. Mit diesem Bild stellt sich Simone das Sterben vor.
Verantwortung für die Figuren
Aber auch sonst ist der Roman mit hoher Intensität erzählt. Zum Kern gehört die einfühlsame, sensible Sprache, in der Simones Lebensweg, ihre Geschichte und ihr Wesen beschrieben werden. Das alles stets aus Bettinas Perspektive – und mit einer großen Empathie und Würde. An einer Stelle heißt es, es habe in Landshut keine Menschen mit Behinderung gegeben. Sie seien alle versteckt gewesen. Thomas von Steinaecker schreibt gegen diese Erfahrung an, rückt Simone in das Zentrum, in das Licht.
„Ohne das Vorbild einer Figur aus dem realen Leben hätte ich mich nicht getraut, diese Geschichte zu erzählen“, berichtet Thomas von Steinaecker. Auf diese Weise habe er sich sicher gefühlt. Gleichzeitig weiß er, er hat eine besondere ethische Verantwortung als Autor. In dieser Haltung ist einer der beeindruckenden Romane der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur entstanden. Dass es nun auch einen Roman über Landshut gibt, ist ein schöner Nebenaspekt. Aber auch diese Verortung und die damit verbundenen Zeitfragen machen „Schwestern“ zu einem Ereignis.
Thomas von Steinaeckers Roman „Schwestern“ erscheint am 8. September im S. Fischer-Verlag.

