Die neuen Ergebnisse der PISA-Studie (externer Link) zeigen: Deutschland steht so schlecht da wie nie zuvor. Was muss passieren, damit die Leistungen der Jugendlichen wieder besser werden? Eines ist klar: Die eine große Reform, die alle Probleme löst, gibt es nicht.
Der deutsche PISA-Studienleiter Samuel Greiff spricht eher von vielen kleinen Versäumnissen in den vergangenen Jahren. Das machen die PISA-Spitzenländer wie Singapur, Japan, Estland oder Korea anders. „Die haben kein hohes Reformtempo, bleiben aber kontinuierlich am Ball“, sagt Greiff. Was also könnte man in Deutschland konkret tun?
1. Früher fördern – nicht erst, wenn Kinder den Anschluss verlieren
Für Bildungsforscher Greiff beginnt eine der wichtigsten Maßnahmen lange vor dem Erreichen des PISA-Testalters. Kinder, die Unterstützung brauchen, müssten früh erkannt werden und dann auch tatsächlich Förderung bekommen. „Vorsorge ist besser als Nachsorge“, sagt Greiff. Die Probleme dürften nicht erst angegangen werden, wenn ein Kind in der Schule schon den Anschluss verloren hat.
In Kanada laufe das viel besser. Hat dort ein Schüler Probleme, werde das erkannt und die Lehrkraft könne dann mit diesem Schüler gezielt üben. Ein paar Wochen später wird kontrolliert, ob die Förderung geholfen hat oder das Kind weitere Unterstützung braucht.
2. Lehrkräften mehr Verantwortung und Raum geben
„Kein Bildungssystem kann besser sein als seine Lehrkräfte“, sagt der Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Andreas Schleicher. In Estland und auch in vielen asiatischen Ländern hätten Lehrkräfte „sehr viel mehr Zeit und Raum“, sich um einzelne Schülerinnen und Schüler zu kümmern. Sie könnten gemeinsam Unterricht entwickeln und seien keine Einzelkämpfer wie in Deutschland.
Samuel Greiff ergänzt: Lehrkräfte müssten über ihr gesamtes Berufsleben hinweg Fortbildungen erhalten. Das gilt auch für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI). Mehr Tablets allein machen den Unterricht nicht besser. Entscheidend ist, ob digitale Werkzeuge auch pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden.
3. Geld besser verteilen
In Deutschland hängt der Bildungserfolg stark vom Elternhaus ab. Das hat sich in den 25 Jahren seit Beginn der PISA-Studie nicht verändert. Andere Länder haben es dagegen geschafft, die sozialen Unterschiede zu verringern. In England beispielsweise bekommen Schulen zusätzliche Mittel für Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen und können selbst entscheiden, wie sie diese einsetzen.
Ein positives Beispiel ist für Samuel Greiff das Startchancen-Programm (externer Link): Bund und Länder stellen über 20 Milliarden Euro für rund 4.000 sogenannte Brennpunktschulen bereit. Dort können diese Mittel viel bewirken. Ansonsten gibt es laut Greiff unglaublich viele Maßnahmen in Deutschland, die gut gemacht sind, aber nicht in der Breite ankommen. Hier fehle es an einer nationalen Strategie.
4. Kinder länger gemeinsam lernen lassen
In Deutschland werden die Kinder im internationalen Vergleich sehr früh auf verschiedene Schulformen aufgeteilt. Das war früher auch in vielen anderen europäischen Ländern üblich. Die meisten hätten ihre Schulstruktur inzwischen jedoch verändert, sagt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Zum Beispiel Finnland oder Polen, beide mit großem Erfolg.
Die frühe Aufteilung in Deutschland hat hingegen auch Auswirkungen auf die Chancengerechtigkeit, sagt Schleicher. Denn wenn sich viele Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen auf einzelnen Schulformen konzentrieren, konzentrieren sich dort auch die Probleme.
5. Weniger Lernstoff an den Schulen
Schleicher nennt einen weiteren Unterschied zwischen den Bildungssystemen Deutschlands und Staaten, die bei PISA erfolgreicher sind: Diese versuchen nicht, möglichst viel Stoff in Lehrpläne zu pressen. Stattdessen konzentrieren sie sich stärker auf wenige Inhalte und behandeln diese gründlicher.
Das OECD-Paper (externer Link), das die PISA-Ergebnisse zusammenfasst, weist zudem darauf hin: Besonders erfolgreich ist Unterricht dort, wo Jugendliche nicht nur Informationen aufnehmen, sondern selbst erklären, Zusammenhänge herstellen und über Lösungen nachdenken.
6. Auch Eltern können etwas tun
Auch die Eltern sind für den Schulerfolg wichtig. Das bedeutet aber nicht, jeden Abend die Hausaufgaben zu kontrollieren. Entscheidend ist vielmehr das Signal: Was du in der Schule machst, ist mir wichtig. Jugendliche, die bei den PISA-Tests angeben, dass ihre Eltern sich für ihre Schule interessieren, schneiden deutlich besser ab, sagt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Der Unterschied entspreche fast zwei Schuljahren.
Fazit: Viele Lösungen sind längst bekannt. Entscheidend ist, sie umzusetzen und diese über mehrere Jahre durchzuhalten.

