Anfang August haben neue Zahlen für Ernüchterung gesorgt: In Bayern gibt es nur noch 588 Brauereien, 13 weniger als im Vorjahr. Ein wesentlicher Grund dafür ist der rückläufige Konsum von alkoholhaltigem Bier. Auch die großen Münchner Brauereien bekommen das zu spüren.
Bio und regional
Doch ausgerechnet dort, wo in zwei Wochen das „Fest des Münchner Bieres“ beginnt, also auf der Wiesn, hat sich abseits der bekannten sechs Großbrauereien eine kleine, aber stabile Szene entwickelt. Sie setzt auf Bio, Regionalität und handwerkliche Produktion – und trotzt der allgemeinen Marktkrise.
Weniger Masse, mehr Gefühl
Vor zehn Jahren haben Marta Girg und ihr Mann im Stadtteil Großhadern „Haderner Bräu“ gegründet – Münchens erste Biobrauerei. Gebraut wird im denkmalgeschützten Stürzerhof, die Jahresproduktion liegt bei rund 3.000 Hektolitern, deutlich weniger als bei den „großen Münchner Klassikern“, wie Girg sagt. Dafür ist die Sortenpalette breit, ein alkoholfreies Bier ist bereits im Sortiment, weitere sind in Planung.
Verkauft wird vor allem in der näheren Umgebung und in Bioläden. Von Krise spürt Girg wenig. Sie glaubt, dass die Stärke kleiner Brauereien im Charakter liegt – im eigenen Geschmack und in der Geschichte, die sie erzählen: „Bier ist Emotion, das ist nicht nur Tradition, das ist Leidenschaft“, sagt sie. Immer mehr Menschen legten Wert auf Genuss und wollten wissen, wo ihr Bier herkommt.
Kleine Marken beleben den Markt
Ähnlich wie Haderner sind in den vergangenen Jahren mehrere kleine Marken in und um München entstanden: Etwa Tilmans Biere, das Germeringer Brauhaus oder Munich Brew Mafia. Sie beleben den Markt, beobachtet Stefan Stang vom Verband Privater Brauereien mit „Wohlgefallen“.
Seiner Einschätzung nach ist der Biermarkt zwar gesättigt – auch, weil große Brauereien fast überall präsent seien und ihre Biere für viele Kundinnen und Kunden austauschbar wirkten. Gerade das aber öffne Raum für Neues: Die Münchner und das Umland hätten entdeckt, „dass man jetzt doch wieder etwas Regionales braucht“, sagt Stang.
Giesinger wächst gegen den Trend – und peilt die Wiesn an
Dass Regionalität ein Erfolgsrezept sein kann, hat Steffen Marx schon vor rund 20 Jahren erkannt. Der Gründer der Giesinger Brauerei merkt nach eigener Aussage wenig von der Bierkrise. 2020 hat sich Giesinger vergrößert, verfügt seither über einen eigenen, oktoberfesttauglichen Tiefbrunnen – ein wichtiges Kriterium für eine Teilnahme an der Wiesn.
„Wir wachsen gemütlich, im absteigenden Biermarkt in Deutschland ist das ungewöhnlich gut“, sagt Marx. Die Brauerei verzeichne hohe einstellige Wachstumsraten. Handwerklich hergestellte Biere hätten „immer noch eine gute Zugkraft“.
Giesinger bindet seine Kundschaft eng ein: Teile der Brauerei wurden durch Crowdfunding finanziert, in sozialen Netzwerken präsentiert sie sich als „Brauerei zum Anfassen“. Mit einem Bürgerbegehren mobilisierte Giesinger darüber hinaus Unterstützerinnen und Unterstützer, um dem Wunsch nach einem eigenen Wiesn-Auftritt Gewicht zu verleihen. Mit der Stadt sei man in „guten Gesprächen“, heißt es – ein möglicher Termin für den Einzug aufs Oktoberfest: 2028.
Neue Tiefbrunnen, alte Marken
Neben Giesinger rüstet sich auch Münchner Kindl-Bräu für den Einstieg in den Münchner Brauereimarkt und zwar ebenfalls mit eigenem Tiefbrunnen. Eine Unternehmerfamilie aus Traunstein lässt die historische Marke Münchner Kindl Bier wieder aufleben. Die neue Brauerei entsteht an der Tegernseer Landstraße. Da auch diese zukünftige Brauerei einen Tiefbrunnen hat, könnte es in einigen Jahren neben Giesinger auch noch Münchner Kindl aufs Oktoberfest schaffen. Doch bislang ist das alles Spekulation, erst einmal muss Münchner Kindl seinen Betrieb aufnehmen und sich am Markt bewähren.
Trotzdem: All diese Beispiele zeigen: Während der Gesamtmarkt unter sinkendem Konsum leidet, ist die Münchner Brauereiszene in Bewegung – trotz, oder vielleicht gerade wegen der Krise. Wer auf Regionalität, Bio und handwerkliche Qualität setzt, findet weiterhin Kundschaft in der Bierstadt München.

