Man möchte sich an den Kopf tippen und eine berühmte Formulierung des Galliers Obelix variieren: „Die spinnen, die Fanatiker.“ Sie machen aus Lucky Luke einen Heiligen, begründen eine Glaubensrichtung namens Lukismus, erbitten seinen Segen, kleiden sich wie er, sammeln Reliquien. Und er will die ganze Zeit nur Ruhe und ein warmes Bad.
Der Wilde Westen und die Bibel
Jul und Achdé sind das kreative Duo, das hinter den neueren Abenteuern des Kult-Comics Lucky Luke steckt. Keine Chance, sagt Jul, mit bürgerlichem Namen Julien Berjeaut, der das Comic-Szenario, die Geschichte, geschrieben hat. Zwei Welten würden darin aufeinanderstoßen: Die des Alten und des Neuen Testaments werde mit der des Wilden Westens konfrontiert. Dazwischen tauche eine Figur auf, die als eine Art Messias betrachtet wird: Lucky Luke. „Alle religiösen Fanatiker sehen in ihm eine Heilsgestalt. Er protestiert vehement dagegen. Und wird trotzdem in die Mahlströme des Glaubens hineingezogen.“
„Heiliger Lucky!“, das neue Abenteuer des Cowboys, spielt in Kansas und erzählt unter anderem von einer wahren Begebenheit: 1874 wurde der US-Bundesstaat von einer verheerenden, auch biblischen Heuschreckenplage heimgesucht. Jul und Achdé lassen Lucky Luke und Jolly Jumper die fiesen Insekten auf schöne Weise besiegen.
Held mit Schwächen
Ganz nebenbei erfährt man: Der Held hat eine Heuschreckenphobie. Man kann immer noch Neues im Wesen von Lucky Luke entdecken, so Zeichner Achdé: „Das ist auch bei den Western-Filmen so. In den heutigen Filmen und Serien werden die Figuren immer auch mit kleinen Fehlern gezeichnet. Viel menschlicher. Früher hätte man das nicht gemacht. John Wayne etwa hätte nie geweint.“
Auch bei seinen Bildern habe er sich von Filmen inspirieren lassen, erzählt Achdé. Nicht nur von Western. „Die Heuschrecken-Szene sollte eine ganze Seite ausfüllen. Ich habe dann noch zwei weitere dazu gebracht, um das noch ein wenig auszuarbeiten. Und das erinnert dann an Hitchcocks „Die Vögel“ – als der Vogelschwarm ankommt. Das ist auch eine Referenz an das Kino. Und das gilt überhaupt für Lucky Luke. Ich verneige mich als Zeichner auch vor dem Kino.“
Eine kleine Revolution im Lucky-Luke-Kosmos
Es gibt viele herrlich-komische Szenen und Bilder. Unter anderem betritt Lucky Luke im Städtchen Faith eine Kirche. Der dortige Reverend zeigt ihm die Glasfenster mit verschiedenen Heiligen. Einer davon ist Averell Dalton – der längste der vier Ganoven-Brüder – als „Sankt Averell“, als Schutzpatron der geistig Armen. Es gibt aber auch eine ernste Ebene: Einer der ach so frommen Christen, ein Apotheker, will das Land der indigenen Pawnee haben und verkauft ihnen mit Pocken-Erregern verseuchte Decken.
In der langen Geschichte von Lucky Luke sei das eine kleine Revolution, sagt Szenarist Jul: „Zum ersten Mal wird der Völkermord an den Indigenen thematisiert. Es gab in den Alben immer wieder mal Konflikte zwischen Weißen und Ureinwohnern. Sie schießen aufeinander, wie bei Tom und Jerry. Keiner wird getötet. Hier thematisieren wir den Genozid. Die Episode mit den verseuchten Decken ist authentisch. Das wird jetzt nicht in brutaler Härte erzählt. Wir wollten es aber eben auch zur Sprache bringen.“
Ein berühmter Tweet
Lucky Luke hilft den Indigenen und sorgt für einen Impfstoff – beim Impfen stehen die Pawnee dann übrigens in einer Schlange wie die Gallier vor dem Topf mit Zaubertrank. Das neue Lucky Luke-Album ist voller schöner Anspielungen. Die groteske Gegenwart in den USA – die Verbreitung von Fake News, hier via Telegraph, und der wirre Cofveve-Tweet des Präsidenten – und auch die Erfahrungen der Pandemie werden hintersinnig gespiegelt. Es passiert eine Menge, ehe der Cowboy wieder einsam und gemütlich in den Sonnenuntergang reiten kann.
Das neue Lucky-Luke-Abenteuer „Heiliger Lucky!“ – geschrieben von Jul, gezeichnet von Achdé – erscheint im Verlag Egmont Ehapa, in der Übersetzung von Klaus Jöken.

