„Allahu akbar“ – „Gott ist groß“ schallt es durch den Kölner Dom. Hunderte Muslime beten zum Ende des Ramadan in der Kathedrale nach Mekka gewandt. Es ist Februar 1965. Vier Jahre zuvor hatte die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen. Die Menschen, die kamen, brachten nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihren Glauben mit nach Deutschland. Darauf wollte die einmalige Aktion im Kölner Dom hinweisen.
„Gastarbeiter“ gründen Moscheen in Deutschland
Im deutsch-türkischen Anwerbeabkommen wurde ein sogenanntes Rotationsprinzip festgelegt. Es sah vor, dass die Arbeitskräfte nach einer bestimmten Zeit wieder in die Heimat zurückkehren sollten und durch andere Arbeiter ersetzt würden. Deshalb nannte man die Menschen damals „Gastarbeiter“. Rund 870.000 Menschen kamen aus der Türkei. Viele kehrten nach einiger Zeit in ihre Heimat zurück, andere blieben in Deutschland.
Einige von ihnen schlossen sich in Deutschland zu Vereinen zusammen. Sie mieteten leere Gewerbeflächen als Gebetsräume an. So entstanden ab den 1970er-Jahren die sogenannten Hinterhofmoscheen. „In den 1970er-Jahren haben sich schon Organisationen mit türkischer Herkunft gegründet, die damals noch in Opposition zur türkischen Religionspolitik standen, nämlich Milli Görüs und der Verband islamischer Kulturzentren VIKZ“, sagt Mathias Rohe, Islamwissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
DITIB gab Informationen an türkischen Staat weiter
Das rief die türkische Regierung auf den Plan. Sie wollte ein religiöses, nationales Auffangbecken für alle türkischen Staatsangehörigen in Deutschland schaffen, so Rohe. Auf Initiative des türkischen Präsidiums für Religionsangelegenheiten Diyanet wurde 1984 der Verein DITIB gegründet.
Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, wofür die Abkürzung DITIB steht, wächst bis in die 2000er-Jahre zum größten deutschen Dachverband mit rund 900 Moscheegemeinden heran. In Bayern teilt sich DITIB in zwei Landesverbände. Die Organisation wird zu einem wichtigen Ansprechpartner für die Politik, etwa in der Deutschen Islamkonferenz oder zum Thema islamischer Religionsunterricht.
Die Verbindung zum türkischen Staat steht dabei immer wieder in der Kritik. Besonders 2016: Nach einem Putschversuch in der Türkei macht die türkische Regierung die religiöse und soziale Gülen-Bewegung um den Prediger Fethullah Gülen dafür verantwortlich. Einzelne DITIB-Imame in Deutschland geben nach einem Aufruf der türkischen Behörde Diyanet Informationen über angebliche Gülen-Anhänger hierzulande nach Ankara weiter. Eine „Panne“, wie DITIB später erklärt.
Imame werden weiterhin von türkischer Behörde bezahlt
2023 einigen sich das Bundesinnenministerium und die türkische Religionsbehörde Diyanet auf eine Ablösung der Imam-Entsendung. Die Fachaufsicht über die Imame, die in Deutschland beschäftigt sind, wird formell von Ankara nach Köln verlagert. Kritiker sehen aber weiterhin starke Abhängigkeiten von Diyanet. Andere bewerten es als einen Schritt in Richtung Unabhängigkeit, auch wenn die Gehälter weiterhin von der staatlichen Behörde gezahlt werden.
Der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung, Karl Straub von der CSU, sieht die Situation deshalb pragmatisch: „Ich habe die Moscheen, die ich besucht habe, immer als sehr offen empfunden und habe nicht feststellen können, dass hier Abhängigkeiten bestehen.“ Imame sieht er als zentrale Figuren, um Radikalisierung zu bekämpfen. Deswegen könne nicht „von heute auf morgen die Finanzierung“ gestoppt werden.
Darum bildet DITIB jetzt auch deutschsprachige Imame aus
Bei der Ausbildung der Imame gibt es 2020 eine zentrale Neuerung: Kamen DITIB-Imame bis dahin in der Regel aus der Türkei und sprachen oftmals nur wenig Deutsch, bildet DITIB seither auch deutschsprachige Imame aus. Auch, weil sich die Zusammensetzung der Gemeinden verändert hat.
Heute sind immer mehr Muslime ohne türkischen Background dabei, sagt DITIB-Generalsekretär Eyüp Kalyon: „Wir haben einen Anteil von 50 Prozent innerhalb der muslimischen Community, die türkisch geprägt sind. Das heißt, wir hatten auch gar keine Wahl, uns als eine deutsche Religionsgemeinschaft zu verstehen und uns auch dementsprechend auszurichten.“
In 20 Prozent der DITIB-Moscheen gebe es inzwischen deutschsprachige Imame, so Eyüp Kalyon. Musliminnen und Muslime in Deutschland bekommen mehr und mehr ihre Religion auf Deutsch vermittelt. Für die Frage der Unabhängigkeit eines Verbands aber sehen Fachleute wie Islam- und Rechtswissenschaftler Mathias Rohe vor allem institutionelle Strukturen als entscheidend an.

