Wer ihn je interviewt hat, vergisst nicht seinen Blick: freundlich, kritisch, prüfend. Andreas Neumeister war ein wichtiger Vertreter der deutschen Popliteratur, mit einer großen Liebe für Musik und Oberflächen. Aber was ihm gänzlich abging, waren Starallüren.
München und seine Umgebung spielen in vielen Werken eine Rolle, wobei er in seinen letzten Publikationen eher vom Erzählerischen abwandte und eine ganz eigene Form von verspielt-reflexiver Lyrik entwickelte. Diese prägte auch seine Arbeiten für Kunst am Bau, der er sich zuletzt verschrieben hatte. Auch weil er den Eindruck hatte, der Literaturbetrieb habe ihm nichts mehr zu bieten.
Anfänge als Journalist beim legendären „Blatt“
Neumeister studierte Ethnologie an der Universität München. Geblieben ist davon vor allem eine Haltung, als würde er das Szeneleben in München wie ein Forscher betrachten: teilnehmend, aber gleichzeitig von außen. Im „Blatt – Stadtzeitung für München“, der 1979 gegründeten und damit einer der ersten alternativen Stadtzeitungen in Deutschland, hatte er eine Kolumne. Sein literarisches Debüt erschien 1988 unter dem Titel „Äpfel vom Baum im Kies“. Zwei Jahre später folgte „Salz im Blut“ (1990), ein Roman, der sich mit München und den Erinnerungen an die eigene Jugend auseinandersetzte.
Er wurde damit zu einer der wichtigsten Stimmen der Popliteratur der 1990er-Jahre. Den Vertreterinnen und Vertretern dieser Art eines freieren, an US-amerikanischen Vorbildern orientierten Erzählens verschaffte er 1996 ein Forum: Gemeinsam mit Marcel Hartges gab er den Reader „Poetry! Slam! Texte der Popfraktion“ heraus. Bis heute ist die Textsammlung eine Fundgrube der unterschiedlichen Schreibweisen, die unter diesem Etikett gelabelt wurden.
Neumeister selbst interessierte sich für Vorläufer wie etwa Rolf Dieter Brinkmann – überhaupt gehört er neben Christian Kracht und Thomas Meinecke zu jenen Popliteraten, die zwar Trends und Stilen feierten, aber die auch unter die Oberfläche schauten.
Wahrheit in Zeiten des Internets
Besonders deutlich wird das an seinem Buch „Angela Davis löscht ihre Website“. Das kreiste um die Black-Panther-Aktivistin und deren Verschwinden, behandelte aber weniger ihre Biografie als vielmehr ihr mediales Verschwinden. Wobei Neumeister gleichermaßen Fakes, mögliche Fakes, wahrscheinliche Wahrheiten und echte Wahrheiten zitierte (und so hinterfragt) – das Buch war eine Art literarische Schule der Wahrheitsfindung in Zeiten des Internets.
Fotos und, Bildunterschriften spielen in seiner Literatur eine große Rolle. Bei öffentlichen Lesungen setzte er Diaprojektionen ein – und schulte so seine Zuhörer darin, zwischen den Zeilen zu lesen – und damit zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungsmustern zu unterscheiden. 2006 war seine Soundinstallation „Music for Fascist Architecture“ im Haus der Kunst zu hören. 2024 fand seine Münchner Ausstellung „Nibelungenland“ statt, die mit Covern, Musik und Zeitungsausschnitten das Lächerlichmachen des Faschismus im Pop dokumentierte.
Vom Literaturbetrieb hat er sich in den letzten Jahren abgewandt. Seine Arbeiten für Kunst am Bau waren kurze lyrisch-konkrete Sätze. Jetzt ist Andreas Neumeister im Alter von 67 Jahren gestorben.

