Die erste Fernreise, die Sinthujan Varatharajah unternommen hat, war nicht wirklich eine Reise. Varatharajahs Eltern flohen in den 1980ern vor der Gewalt des singhalesischen Staates aus den tamilischen Regionen im Norden und Osten Sri Lankas nach Deutschland.
Um überhaupt noch ausreisen zu können, musste sich die Mutter mit ihren beiden Kindern als Touristin ausgeben. In Oberfranken angekommen folgten dann Aufenthaltsgenehmigungen, Residenzpflicht, Duldung und schließlich der deutsche Pass. Nach Sri Lanka konnte Varatharajah später nur noch als mit einem Touristenvisum zurückkehren.
In Bali wird Geschichte ausgeblendet
Das ist gewissermaßen die Rahmung, die Perspektive, aus der Sinthujan Varatharajah den westlichen Tourismus beobachtet. „wo zeit stehen bleibt“, heißt Varatharajahs Essay, der die Spuren des europäischen Kolonialismus bis in unsere heutigen Urlaubsträume hinein verfolgt.
Wie sehr die Kolonialgeschichte unsere Reiseziele prägt, macht Varatharajah etwa am Beispiel Balis klar. Heute ist die indonesische Insel ein Sehnsuchtsort für Surferinnen, digitale Nomaden, Kurzurlauberinnen und Langzeittouristen. Wer Bali besucht, bringt nicht nur Geld und Freizeit mit, sondern auch Vorstellungen davon, wer diesen Ort für sich beanspruchen darf.
Dieser Blick auf Bali hat eine Vorgeschichte. Schon die niederländische Kolonialmacht schuf ein touristisch verwertbares Bild der Insel: exotisch, friedlich und scheinbar zeitlos. An die blutigen Kolonialkriege und die damit verbundenen Massaker erinnert man sich nur selektiv. Allerdings sei das nicht nur den Touristinnen und Touristen anzulasten, sagt Varatharajah. Auch der indonesische Staat habe ein Interesse daran, seine blutige Vorgeschichte zu verschleiern, um „den Reisenden eine bestimmte Art von Schwere zu nehmen und ihnen eine Leichtigkeit zu erlauben.“
In Afghanistan wird Gewalt zum Souvenir
Schon in den 1920er-Jahren ließen die Niederlande die ersten Hotels auf Bali bauen. Man lud prominente europäische Kulturschaffende ein: darunter Charlie Chaplin, den deutschen Maler Walter Spiess oder die Schriftstellerin Vicki Baum. Zurück in Europa sollten diese dann möglichst positiv vom „Urlaubsparadies“ berichten. Varatharajah nennt das eine frühe Form dessen, was heute bezahlte Influencer tun: Die geschehene Gewalt wird mittels „Tourism-Washing“ überdeckt.
Gegenwärtig passiert das sogar in Afghanistan. Für Social Media filmen sich Influencer dabei, wie sie über Kabuler Märkte flanieren oder lächelnd neben Taliban-Kämpfern posieren, manchmal sogar mit deren Waffen in der Hand. Afghanistan soll als attraktives, spannendes Reiseziel normalisiert und beworben werden. Unterstützt durch das afghanische Tourismusministerium. „Die Gewalt ist zum Souvenir geworden“, stellt Varatharajah fest. Allerdings seien dafür nur bedingt die Influencer selbst verantwortlich. Weniger als eine Ursache seien sie Symptome eines größeren Systems.
Das Bild des Touristen ändert sich
Nicht zuletzt verändert sich aber auch das Bild der Reisenden selbst. Chinesische und indische Touristen sind vor allem in Europa sehr präsent. Vor Corona war China gar der größe Touristische Quellmarkt der Welt. Dadurch wird das koloniale Klischee vom europäischen, weißen Touristen konterkariert. „Durch die ökonomischen Verhältnisse, in denen wir heute leben, hat sich diese Figur multipliziert“, meint Varatharajah.

