Natürlich sind auch im diesjährigen Programm der Filmfestspiele in Venedig prestigeträchtige Titel vorhanden. Wie zum Beispiel „Primetime“ mit Robert Pattinson, aus der Independent-Qualitätsschmiede A24. Aber mit Leinwand-Schwergewichten wie „Digger“ oder „The Social Reckoning“, die als potenzielle Oscar-Kandidaten gelten, kann der Medienthriller dann doch nicht mithalten.
Womit die Programmmacher in Venedig vor dem gleichen Problem stehen wie in der ersten Jahreshälfte ihre Kollegen in Cannes und Berlin: die großen US-Studios machen einen Bogen um die wichtigsten Filmfestivals der Welt.
Festivaltour nicht mehr Teil der Marketing-Strategie
Was noch vor wenigen Jahren ein essentieller Bestandteil der Marketing-Strategie war, scheint zunehmend verzichtbar zu werden. Der zum Warner-Portfolio gehörende „Digger“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle ist in dieser Hinsicht gleich mehrfach interessant. Denn die Politsatire wird alle wichtigen Herbstfestivals ignorieren.
Es gab Zeiten, da betrieben besonders preisverdächtige Filme und ihre Crew regelrechtes Festival-Hopping. Sie feierten erst Weltpremieren in Venedig, wenige Tage später internationale Premiere in Toronto, kurz darauf US-Premiere in Telluride in Colorado, gefolgt vom Grande Finale in New York.
Schlechte Festival-Rezensionen sind zu riskant
Werner Herzog wird diese Tour im September mit „Bucking Fastard“ machen. Aber das ist ein von ihm koproduzierter Independent-Spielfilm. Studiobosse scheren ihn demnach ebenso wenig wie ein Fakt, den andere Regisseure in Bezug auf Festivalteilnahmen artikuliert haben. Man fühle sich nackt, habe zum Beispiel Arthur Harari zu Rebecca Leffler gesagt, der Frankreich-Korrespondentin des US-Branchenmagazins „Screen International“. Kritiker, wie in Cannes, seien zu gnadenlos.
Während kleinere Produktionen durch den nicht selbstverständlichen Festival-Adelstand auch von mittelprächtiger Presse profitieren können, gehen kostspielige Studioproduktionen ein größeres Risiko ein. 2023 spaltete in Cannes „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ die Gemüter, der fünfte Teil der Disney-Produktion wurde zum Millionengrab. Ein Jahr später fiel in Venedig die Comic-Fortsetzung „Joker: Folie à Deux“ im Wettbewerb durch, beim regulären Kinostart floppte die 200 Millionen teure Warner-Produktion.
Geld für Festivals sparen und in Werbekampagnen stecken
Die Panik vor eventuellen Verrissen kann aber nicht Grund allein sein für das Fernbleiben der Big Player. Diese Sorge gab es schließlich schon immer. Neu hingegen ist die Umbruchphase, in der sich die US-Filmindustrie befindet: Die Kinobesuche sind rückläufig, Produktionskosten und Erfolgsdruck steigen.
Wer große Stars und deren Entourage nicht extra einfliegen lassen und tagelang auf Studiokosten in Luxussuiten unterbringen muss, kann leicht sechs- bis siebenstellige Beträge einsparen – und stattdessen in Social Media oder Online-Kampagnen investieren. Im vergangenen Jahr hat Warner diese Taktik bei den beiden Oscar-Favoriten „Blood and Sinners“ sowie „One Battle After Another“ angewendet.
Beide Filme blieben Festivals fern, hatten dafür unter anderem Kooperationen mit dem extrem populären Online-Game „Fortnite“, das täglich 1,5 bis 2 Millionen aktive Nutzer und Nutzerinnen hat – insbesondere in der aus Marketingsicht attraktiven jungen Zielgruppe. Die stetig ausufernde neue Medienwelt – sie droht, den schönen alten Festivals die Butter vom Brot zu nehmen.

