„Doomscrolling“ – so nennt man das endlose und meist vom Konsum negativer Nachrichten geprägte Scrollen in sozialen Netzwerken wie TikTok oder Instagram. Und dann ist da plötzlich in einem Video ein Mann mit Halbglatze, Schnurrbart und weißem Hemd aufrecht vor einem Wolkenhimmel zu sehen: Walter. Während er spricht, schaut er aufmerksam durch seine randlose Brille: „Manchmal sind unser Dasein, unsere Nähe und ein paar liebe Worte genau das, was ein anderer gerade braucht“. Dazu erklingt Schlagermusik.
„Ich war mir nicht sicher, ob es ein echter Mensch oder KI generiert ist“, sagt User Oliver aus Köln über seine erste Begegnung mit dem bayerischen Internetphänomen. In den Kommentaren wimmelt es von Sprüchen wie: „A Walter a day keeps the doctor away“. User haben Memes entworfen: Walter als Jesus. Als Buddha. Als Feuerlöschhubschrauber, der „Liebe, Vertrauen und Fröhlichkeit“ versprüht, auf einen lodernden Brand namens „Sorgen, Hass, Traurigkeit“. Oliver dachte erst, es handle sich um eine Comedy-Nummer, bis er gemerkt hat: „Der meint es wirklich ernst!“
Motivationsvideos haben ernsten Hintergrund
Walter existiert. Walter Sedlmeier ist 77, pensionierter und passionierter Techniker und wohnt in Ingolstadt. Die Geschichte, wie er zum Posten von Motivationsvideos kam, ist tatsächlich ernst: „Der ganz erste Grund war ja, dass meine Frau Krebs bekommen hat“. Kurz vor der Goldenen Hochzeit ist sie gestorben. Walter kam nur schwer damit zurecht. Schließlich schrieb er seine Erfahrungen auf. Aber kein Verlag wollte sein Manuskript. „Dann habe ich mir gedacht, ich muss durch solche Posts bekannter werden, vielleicht gibt es einen Verleger, der das sieht.“
Negatives lässt er in seinen Posts weg. Das riet ihm auch sein Enkel. Trotzdem schöpft Walter die Themen aus seiner Erfahrung: Sehnsucht, Machtlosigkeit, Weitermachen. Die Texte lässt er von KI schreiben. Für die Aufnahme steigt er ins Dachgeschoss. Da hat er ein grünes Tuch aufgehängt, als Greenscreen. Als Kamera nutzt er sein Handy. Es lehnt an einem Stapel dicker Bücher, zufällig liegt obenauf die Bibel. Die Musik kommt vom Sohn einer Cousine, die Hintergrundbilder von der KI. User Oliver aus Köln glaubt, dass gerade diese Einfachheit, bei der keiner vermutet, dass man damit erfolgreich sein kann, die Grundlage für Walters Popularität ist: „Das ist wirklich etwas Echtes – und das geht in der normalen Welt teilweise verloren“.
Über 80.000 Follower
Immer um 17 Uhr veröffentlicht Walter seine Videos. Sofort kommen Klicks und Kommentare. Tausend, zweitausend … Walter schaut auf die aufschießenden Zahlen und ist glücklich. Und seine Fans? „Wir alle haben ihn sehr lieb“, sagt die 22-jährige Radka im Gespräch mit dem BR. Und auch Oliver ist längst Walter-Follower. Einer von über 80.000 auf Instagram und Tiktok. Gerade im Alltagsstress habe er gemerkt, dass es ihm tatsächlich geholfen hat, die Videos zu schauen: „Das ist einfach etwas Schönes“.
Walter Sedlmeier ist damit ein ungewöhnliches Internetphänomen. Denn auf Social Media verfangen häufig eher negative Inhalte. Die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg sieht darin ein gutes Beispiel, wie auch positive Inhalte auf Social Media viral gehen können: „Wenn Dinge, die positiv sind, geteilt und rezipiert werden, und von anderen wiederum weitergeleitet und geliked werden, dann kann man damit selbst den Algorithmus mitgestalten.“
Authentische Hilfe
Für die 25-jährige Celine ist es inzwischen ein tägliches Ritual, Walters Videos anzuschauen. Als es ihr einmal sehr schlecht ging, stieß sie auf ein Video von Walter. Seine Botschaft: Du tust genug, du bist genug und für heute reicht es. „Und genau das musste ich an diesem Tag hören, um runterzukommen“, sagt Celine.
Walter Sedlmeier freut sich, wenn er anderen auf diese Weise helfen kann. Ihm selbst ist schon durch das Erstellen und Posten der Videos geholfen. „Filmen ist mein Hobby, beschäftigt bin ich auch und hab keine Zeit zum Grübeln.“ Nur, sagt er, seine Frau würde sagen: Walter, geh doch mal spazieren!

