Die Verhandlungen im Zollstreit zwischen den USA und Kanada sind gescheitert. Die Reaktion des US-Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Donald Trump warf Kanada vor, die USA seit Jahren auszunutzen. Und er verfügte, dass der Lake Ontario, durch den die Grenze zwischen beiden Ländern verläuft, auf US-Bundeskarten künftig „Lake America“ heißen soll.
Auch auf kanadischer Seite ist der Ärger groß. Viele Verbraucher meiden Produkte aus den USA schon länger. Für Empörung sorgten nicht zuletzt Trumps wiederholte Forderungen, Kanada solle zum 51. US-Bundesstaat werden.
Handelskrieg mit Folgen für Europa
Die jüngste Eskalation begann am 22. August: Seitdem erheben die USA auf bestimmte kanadische Waren zusätzliche Zölle von 50 Prozent. Kanada will ab dem 8. September zurückschlagen. US-Waren im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar sollen mit Gegenzöllen von 15, 25 oder 50 Prozent belegt werden.
Betroffen sind unter anderem Stahl und Aluminium, Haushaltsgeräte, Agrartechnik, Kunststoffe und Elektronik. Man könnte das als handfesten Ärger unter Nachbarn abtun. Doch Zölle können Lieferketten verändern: Unternehmen suchen neue Anbieter, Waren neue Absatzmärkte. Das kann auch darüber entscheiden, wer in Bayern einen Auftrag bekommt – oder verliert.
Wenn die Maschine aus Bayern plötzlich günstiger dasteht
Für bayerische Unternehmen kann darin eine Chance liegen. Will etwa ein kanadischer Betrieb eine Maschine kaufen und wird das amerikanische Produkt durch einen Gegenzoll deutlich teurer, verbessert sich die Position eines Anbieters aus Bayern. Dabei hilft das Freihandelsabkommen CETA: Für den größten Teil des Warenverkehrs zwischen EU und Kanada sind die regulären Zölle abgeschafft.
Dass sich der Markt tatsächlich verändert, beobachtet auch die Deutsch-Kanadische Handelskammer. Viele Unternehmen hätten schon 2025 begonnen, ihre Abhängigkeit von den USA zu verringern und neue Lieferanten und Absatzmärkte zu suchen. „Deutsche und europäische Anbieter profitieren spürbar“, sagt die Geschäftsführerin der Handelskammer, Yvonne Denz, auf BR24-Anfrage. Besonders sichtbar sei das bei Haushaltsgeräten, Elektrotechnik und Stahl. Im Maschinenbau würden zudem US-amerikanische Komponenten ersetzt. CETA sei dabei ein wichtiger Wettbewerbsvorteil. Neue Chancen sieht die Kammer außerdem in Bereichen wie Security und Defence. Das Bild sei allerdings nicht einheitlich, betont Denz. Manche Unternehmen hätten Lagerkapazitäten von den USA nach Kanada verlagert, andere bauten ihre US-Produktion hingegen weiter aus.
Experten sehen Chancen und Risiken
Auch das Bayerische Wirtschaftsministerium sieht Chancen für den Freistaat, etwa für Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik oder Medizintechnik. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die bayerischen Exporte nach Kanada bereits um 17,3 Prozent. Einen Zusammenhang mit dem aktuellen Zollstreit oder gar einen echten Bayern-Effekt will das Wirtschaftsministerium daraus zwar nicht ableiten. Ein Zusammenhang ist aber nicht abwegig, da der Streit in Nordamerika schon länger schwelt.
Andreas Baur vom ifo-Institut will die Lage nicht überbewerten. Neue Geschäftsbeziehungen entstünden nicht über Nacht. „Anpassungsprozesse von Unternehmen in Drittstaaten brauchen Zeit und werden nur angestoßen, wenn Unternehmen die Zölle nicht nur als kurze Volte der Trump-Regierung einschätzen“, erklärt Baur.
Wie stark fällt der Kanada-Effekt ins Gewicht?
Für eine bessere Einschätzung hilft auch ein Blick auf die Größenordnung: 2025 exportierte Bayern Waren für rund zwei Milliarden Euro nach Kanada. In die USA gingen etwa 26 Milliarden Euro. Zusätzliche Geschäfte in Kanada können für einzelne Unternehmen deshalb durchaus relevant sein, gesamtwirtschaftlich bleibt ihr Gewicht aber begrenzt.
Hinzu kommt ein gegenläufiger Effekt: Kanadische Waren, die sich wegen der US-Zölle dort schlechter verkaufen, können auf andere Märkte ausweichen und etwa in Europa den Konkurrenzdruck erhöhen.
Einen größeren Vorteil für Deutschland erwartet ifo-Forscher Andreas Baur deshalb derzeit nicht. Solange die Lage unübersichtlich bleibe, erwarte er „keine größeren Handelsumlenkungseffekte, von denen die deutsche Wirtschaft in größerem Maße profitieren könnten“.
Für einzelne bayerische Unternehmen dürften sich also neue Absatzchancen ergeben. Ob daraus für Bayerns Wirtschaft insgesamt ein Vorteil entsteht, hängt aber auch davon ab, wie stark der Zollstreit Handel, Investitionen und Konkurrenz auf anderen Märkten belastet.

