Chrissi Kern steht in ihrer kleinen Wohnung und gießt sich Wasser ein. „Ich habe einen Sodastream, was mich sehr, sehr freut“, sagt sie. „Da kann man sich immer gutes Münchner Wasser holen.“ Was beiläufig klingt, erzählt viel über diesen Ort: Kern hat wieder eine eigene Wohnung. Eine kleine Küche, ein eigenes Bad, ein Fenster ins Grüne. Und die Aussicht, bleiben zu können.
Das Haus am Loferfeld im Münchner Westen war früher ein Bürogebäude. Bis Ende vergangenen Jahres wurde es mit Unterstützung der Stadt München in ein Wohnhaus umgewandelt. Heute betreibt die Diakonie München und Oberbayern dort 33 Apartments für wohnungslose Frauen. Die Bewohnerinnen sind zwischen 48 und 80 Jahre alt.
Lange Warteliste für Wohnung mit 30 Quadratmetern
Chrissi Kern war fast zwei Jahre auf der Warteliste, ehe ihr die Diakonie das Angebot gemacht hat, hier einzuziehen. Zwischenzeitlich war sie sogar obdachlos. Heute sagt sie – mit Tränen in den Augen – etwas Besseres als ihre 30 Quadratmeter mit Blick auf den Münchner Sonnenuntergang hätte ihr nicht passieren können. Sie schätzt vor allem, dass die Mitarbeitenden der Diakonie, die in dem Haus eine Beratungsstelle betreiben, zwar immer ansprechbar sind, ihr aber nichts aufgezwungen werde. „Alles kann, nichts muss“, fasst Kern das Prinzip zusammen.
Die Diakonie arbeitet hier nach dem Prinzip Housing First. Die Frauen bekommen einen unbefristeten Mietvertrag; Beratung und Vermietung sind getrennt. „Es ist eine gesicherte Unterkunft, sie müssen nie wieder ausziehen“, erläutert die Leiterin des Hauses am Loferfeld, Melanie Dilg, das Prinzip. Obdachlosigkeit sei gerade in Städten ein großes Thema. Häuser wie dieses seien notwendig, weil die Frauen dort nicht nur vorübergehend bleiben, sondern einen „Lebensplatz“ finden könnten, meint Dilg. „Lebensplatz“ – so heißt auch das Projekt der Diakonie, zu dem insgesamt zwei Häuser gehören.
Können umgewandelte Gewerbeflächen die Wohnungsnot lindern?
Der Fall berührt eine größere Frage: Können leerstehende Gewerbeimmobilien helfen, die Wohnungsnot zu lindern? Nach einem Marktbericht der Immobilienbank der Volks- und Raiffeisenbanken gibt es an den wichtigsten bayerischen Bürostandorten rund 28 Millionen Quadratmeter Bürofläche. Rund 1,8 Millionen Quadratmeter davon stehen leer – eine Quote von 6,3 Prozent. Tendenz steigend. Besonders hoch ist der Leerstand in München, dort liegt die Quote inzwischen bei rund acht Prozent.
Gleichzeitig bleibt Wohnraum knapp: In Bayern wurden 2025 nach Angaben des Landesamts für Statistik 47.359 Wohnungen fertiggestellt, 13,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Nur ein kleiner Teil neuer Wohnungen entsteht bislang in überwiegend gewerblich genutzten Gebäuden.
Eigentümervertreter treten auf die Euphoriebremse bei Umwandlung von Wohnungen
Eigentümerverbände wie Haus & Grund warnen vor überzogenen Erwartungen. Wenn Gewerbe einmal in Wohnen umgewandelt worden sei, sei der Weg zurück kaum möglich. Dazu kommen Kosten, Genehmigungen, Brandschutz, Schallschutz, neue Leitungen, Küchen und Bäder. Nicht jeder Umbau rechne sich.
Der Architekt Rudolf Hierl vom Bund Deutscher Architektinnen und Architekten sieht dennoch Potenzial. Viele Bürogebäude, die seit den 1980er-Jahren fertiggestellt worden seien, hätten gute Voraussetzungen: dicke Decken, Wärmeschutz, tragfähige Strukturen. „Sie können es sehr schnell machen“, sagt Hierl – wenn das Gebäude passt.
Ein Allheilmittel gegen die Wohnungsnot ist die Umwandlung also nicht. Aber sie kann ein Baustein sein. Bei der Diakonie am Loferfeld hat es funktioniert, weil die Rahmenbedingungen zusammengepasst haben. Für Chrissi Kern und ihre Nachbarinnen ist aus einem früheren Bürohaus vor allem eines geworden: ein neues, festes Zuhause.

