Nach Ansicht von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) melden sich Menschen in Deutschland zu oft krank. Deutlicher wird CSU-Chef Markus Söder, als es um die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung geht: „Das Blaumachen muss reduziert werden.“ Die Debatte Anfang des Jahres enthielt einen großen Gefühlsanteil, denn Zahlen zum „Blaumachen“ gibt es natürlich nicht. Der Kanzler beruft sich auf einen europäischen Spitzenwert bei den Krankheitstagen: 14,8 Tage sind die Deutschen laut Statistischem Bundesamt 2024 im Schnitt krank gewesen.
Nun kommt das Thema zurück – mit der Reform der Gesundheitsversorgung und dem Ziel der Regierung, Unternehmen stärker zu entlasten. In der Union hoffen einige, dass eine Reform der Lohnfortzahlungsregelungen helfen könnte. Zuständig ist dafür aber das SPD-geführte Arbeitsministerium. Und die SPD zeigt sich kritisch.
Karenztag – was ist das und was bringt er?
Den Karenztag gab es schon einmal, bis Anfang der 1970er Jahre. Wer krankgeschrieben wird, bekommt am ersten Tag kein Geld. Die einfache Rechnung dahinter: Schränkt die Bundesregierung die Lohnfortzahlung ein, sinkt der Krankenstand und die Zahl der Arbeitsstunden steigt. Arbeitsmarktexperten halten diese Rechnung für durchaus plausibel, teilen auch die Einschätzung, Deutschlands Krankenstand sei im internationalen Vergleich hoch. 40 Milliarden Euro im Jahr könnte der Karenztag Arbeitgebern und Versicherungen einsparen, hatte der Chef des Versicherungskonzerns Allianz, Oliver Bäte, im Januar errechnet.
Für plausibel halten Experten aber auch das Argument, das dagegen spricht: Mehr Menschen würden krank zur Arbeit gehen und dort wahrscheinlich Arbeitskollegen anstecken. Nicht auskurierte Krankheiten könnten zu Arbeitsunfällen oder chronifizierten Erkrankungen führen und damit zu höheren Belastungen der Systeme. Die Produktivität könnte sogar leiden. Eine teuer erkaufte Senkung der Krankentage.
VdK: Unbezahlter Tag belastet vor allem für Geringverdiener
„Die aktuell hohen Krankenstände sind ein echtes Problem“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. Alles, was missbräuchliche Krankmeldungen erschwere, sei deshalb hilfreich. Auch ein Karenztag. Mit dem ließen sich aus Dulgers Sicht kurzfristige Fehlzeiten reduzieren. Dem widerspricht Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit: Wer für den ersten Krankheitstag kein Geld bekomme, bleibe vielleicht eher den zweiten oder dritten Tag zu Hause, sonst fühle man sich bestraft, erklärt er im „Spiegel“. Davon hätte die Wirtschaft am Ende nichts.
Viele Experten kritisieren das Mittel als nicht zielgerichtet: Man erreiche damit zwar auch „Blaumacher“, aber die seien die Minderheit. Ein erster Krankheitstag ohne Lohn würde dabei gerade Beschäftigte mit kleinen Einkommen treffen, warnt die Präsidentin des VdK, Verena Bentele: „Sie können es sich nicht leisten, auch nur einen Tag Gehalt zu verlieren.“
Lohnfortzahlung kürzen und beschränken – was noch diskutiert wird
Bislang ist gesetzlich geregelt: Die Lohnfortzahlung bei Krankheit wird bis zu sechs Wochen durch den Arbeitgeber übernommen, danach übernimmt die Krankenkasse mit 70 Prozent des Bruttoentgelts. Überlegungen, die Wochenzahl mit vollem Gehalt zu reduzieren, kommen aus der CDU. Besprochen wird auch, dass die Lohnfortzahlung nur einmal im Jahr vom Arbeitgeber geleistet werden könnte.
Außerdem ist von einem Anreiz die Rede: Wer weniger als fünf Tage im Jahr krank ist, der könnte dafür im Folgejahr einen zusätzlichen Tag Urlaub bekommen. Für diese Leistungen und den Karenztag wäre Arbeitsministerin Bärbel Bas zuständig. Sie ist gleichzeitig SPD-Co-Vorsitzende. Und in ihrer Partei kommen solche Überlegungen gar nicht gut an. Dass der Karenztag umgesetzt wird, ist deshalb derzeit äußerst unwahrscheinlich. Auch für die anderen Maßnahmen gibt es noch kein grünes Licht, wie aus der SPD zu hören ist.
Die Zahlengrundlage für die Krankentagdebatte
Die Kritik des Kanzlers an hohen Krankentagzahlen stützt sich auch darauf: Lagen zwischen 2016 und 2021 die Krankentage relativ konstant bei rund elf, stiegen sie 2022 sprunghaft auf rund 15 und blieben auf dem Niveau in den Folgejahren. 2022 wurde jedoch die elektronische Erfassung der Krankschreibung eingeführt. Zuvor waren Arbeitnehmer aufgefordert, ihre Krankenkassen zu informieren. Wer es nicht tat, tauchte nicht in deren Statistiken auf. Experten sehen darin eine wesentliche Erklärung für den Anstieg.
Eine Auswertung des Iges-Instituts [externer Link] für die Krankenkasse DAK zu krankheitsbedingten Fehlzeiten zeigt, dass Deutschland im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld liegt. Die Daten fußen auf Zahlen einer OECD-Erhebung und gelten als weitgehend vergleichbar. In der Befragung wird ermittelt, wie viel der wöchentlichen Arbeitszeit durch Krankheit verloren geht. Spitzenreiter ist Norwegen. Die niedrigsten Werte zeigen Bulgarien und Griechenland.
Auffällig ist zum Beispiel Luxemburg, das trotz eines großzügigen Lohnfortzahlungsmodell einen geringen Arbeitszeitausfall zeigt. „Erklärungsansätze, die allein auf Systemunterschiede bei der Entgeltfortzahlung abzielen, können die Unterschiede im Krankenstand zwischen den Ländern nicht erklären“, folgern die Autoren der Studie.

