Zwei unscheinbare Terrakotta-Schalen, eine mit einem Standfuß, die andere verziert mit drei kleinen Figuren am Rand: Ihre Größe könne man sich vorstellen wie die von Müsli-Schalen, meint der Archäologe Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zusammen mit einem Forschungsteam der Universitäten Kiel, Zürich, Dublin, Bonn sowie des Max-Planck-Instituts für Anthropologie in Leipzig hat er Aschen analysiert, die in den Schalen gefunden wurden. Darin fanden sich Rückstände von Rauchopfern, die im alten Pompeji in Hausaltären Schutzgöttern dargebracht wurden.
Molekulare Analyse erkennt antike Hölzer und Harze
Die Forschenden kombinierten klassische Mikroskopie mit molekularen Rückstandsanalysen. Unter dem Mikroskop lassen sich Pflanzenreste wie Hölzer oder Blätter erkennen: „Das könnte zum Beispiel Eiche gewesen sein oder Lorbeer“, so Stockhammer. Die molekulare Analyse weise zudem erstmals seltene Harze nach, die importiert wurden: „Wir konnten feststellen, dass Elemi verbrannt wurde, ein Räucherharz, das im subsaharischen Afrika und in Süd- und Südostasien vorkommt.“
Der Direktor des Archäologischen Parks, also der Ausgrabungsstätte von Pompeji, Gabriel Zuchtriegel, der nicht an der Studie beteiligt war, hält diese für besonders bedeutsam: „Dieser unscheinbare Fund versetzt einen nach Asien, nach Afrika, und wir bekommen plötzlich ein Bild, wie vernetzt diese Welt schon damals war.“
Der Welthandel des Römischen Reichs
Die Analyse belegt, was Schriftquellen und weitere Funde nahelegen: Der römische Handel reichte bis Indien und möglicherweise darüber hinaus. Gewürze wie Pfeffer und Zimt, Räucherwaren wie Weihrauch und Elemi wurden „in großer Menge“, so Stockhammer „über Häfen an den Küsten Ägyptens ins Römische Reich importiert“.
Die Studie zeigt auch, dass solche Rauchopfer nicht nur zu besonderen Anlässen, sondern im antiken Alltag gebracht wurden. Eine der Opferschalen wurde in einem ehemaligen Wohnhaus gefunden, das damals gerade zu einem Gasthaus umgebaut wurde: „Zum römischen Haushalt hat es gehört, dass man regelmäßig den römischen Hausgöttern, also seinen Familiengöttern geopfert hat. Die hatten so einen kleinen Altar, wie man in Bayern einen Herrgottswinkel hat.“
Rituale erzeugten „Duft-Inseln“ in den Häusern der Antike
Antike Autoren wie Cato oder Cicero hatten diese häuslichen Riten ebenfalls beschrieben. Doch bei solchen Schriftquellen, so Stockhammer, wisse man nie, wie gut sie die Realität wiedergeben. Mit den Analysen sei dies nun belegt. Der Direktor des Archäologischen Parks, der Ausgrabungsstätte von Pompeji, Gabriel Zuchtriegel, betont, dass man solche Rauchopfer nicht nur religiös verstehen solle. Sie seien auch ein Statussymbol gewesen.
Zudem hätten sie „Duft-Inseln“ geschaffen: „Wir müssen uns eine Stadt voller übler Gerüche, voll üblem Gestank vorstellen. Es gab ganz andere hygienische Bedingungen. Pompeji hatte kein Abwassersystem. Die Straßen fungierten auch als Kanäle.“ Mit den Rauchopfern hätten die Einwohner quasi eine Pause davon machen können, „zum Durchatmen“.
Multisensoriale Archäologie – sehen, riechen, fühlen
Die Rituale hätten zudem auch eine über die sozialen Gruppen „verbindende Wirkung“, meint Gabriel Zuchtriegel. Sie würden dasselbe Erlebnis erzeugen, unabhängig davon, welchen sozialen Status man habe. Sie hätten somit zur gesellschaftlichen Integration beigetragen. Die Studie sei zudem auch ein Beispiel für „multisensoriale“ Archäologie: Forschung, die nicht nur festhält, was sichtbar ist, sondern auch rekonstruiert, was Menschen rochen, hörten oder fühlten, und Einblicke liefert in ihre Gedankenwelt.
Die Erkenntnis, dass Harze von Indien und Afrika verwendet wurden, zeige auch, so Zuchtriegel, „dass dahinter Menschen standen, die diese Reise gemacht haben. Aus den Funden spricht auch ihre Weltoffenheit. Es gibt Funde aus Ägypten, die darauf hindeuten, dass buddhistische Ideen gehört wurden. Und dass römische und griechische Kunst bis nach Indien gelangte und dort weiter verarbeitet wurde.“

