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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Revolte und Selbstkritik: Peter Schneider gestorben
Kultur

Revolte und Selbstkritik: Peter Schneider gestorben

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 4. März 2026 14:47
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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Peter Schneider war immer ein „zoon politikon“, ein durch und durch politisches Wesen – eine prägende Gestalt der Studentenrevolte der 68er, aber nie verdächtig, deshalb jener „linken Melancholie“ anheimzufallen, die Walter Benjamin 1931 schon auf diesen Begriff gebracht hatte.

Inhaltsübersicht
Literarische Selbstkritik und Bruch mit GewissheitenNach 1968: Aufarbeitung gescheiterter UtopienLiteratur gegen die Gleichgültigkeit

Vielmehr war dieser Schriftsteller ein vermeintliche Gewissheiten beständig in Frage stellender Intellektueller, der im seinerzeit noch tonangebenden „Kursbuch“ mit brillanten Beiträgen wie seinem 1978 veröffentlichten Essay „Der Sand an Baaders Schuhen“ produktive Unruhe stiftete im linken Lager, das damals offen sympathisierte mit dem Terrorismus der RAF.

Literarische Selbstkritik und Bruch mit Gewissheiten

Peter Schneider wurde 1940 als Sohn eines Komponisten in Lübeck geboren, verbrachte seine Kindheit im preußischen Königsberg, floh 1945 mit der Familie ins oberbayerische Grainau. Später studierte er Germanistik, Geschichte und Philosophie in Freiburg und München, ab 1962 lebte er in Berlin.

Schneider schrieb Reden für Willy Brandts Wahlkampfteam, wenig später gehörte er zu den Wortführern der Studentenbewegung von 1968. Wegen seiner politischen Aktivitäten verweigerte dem Lehramtsstudenten die Berliner Senatsverwaltung 1973 das Referendariat. Als der Beschluss 1976 aufgehoben wurde, hatte sich Schneider schon eine Karriere als Schriftsteller aufgebaut.

Nach 1968: Aufarbeitung gescheiterter Utopien

Ernüchterung über das Scheitern sozialistischer Utopien spiegelte sich schon 1973 in Peter Schneiders großer Erzählung „Lenz“ – worin er, stets zur Selbstkritik bereit, eigene Erfahrungen als revolutionär gestimmter Aktivist in Italien verarbeitete.

Eine frühere Kampfgenossenschaft war diesem eigenwilligen Kopf nie sakrosankt, er blieb nicht stehen wie so viele andere, war nicht bereit, sich im „moralischem Narzissmus“ selbst zu gefallen, sondern löste sich von eigenen Irrtümern und reiste neugierig als literarischer Reporter viel umher, schrieb Drehbücher für Filme und schließlich 1982 jene essayistische Erzählung über die deutsche Teilung, die damals jeder Zeitströmung zuwiderlief: „Der Mauerspringer“.

Literatur gegen die Gleichgültigkeit

Im Interview mit dem BR sprach der seit den frühen 60er Jahren in Berlin lebende Peter Schneider bei Erscheinen dieses Buches über die „Narbe“, die damals durch Berlin und das gesamte Land verlief. Sein Antrieb sei ein gewisses Unbehagen angesichts der Gleichgültigkeit der Westdeutschen gewesen: „Irgendwas muss doch diese Mauer in uns auslösen, auch wenn wir alle sie überhaupt nicht mehr wahrnehmen?“

Diese Erzählung „Der Mauerspringer“ wurde international stark wahrgenommen, weshalb das „New York Times Magazine“ von Peter Schneider wenige Monate vor dem Mauerfall, im Frühsommer 1989, den hellsichtigen Text „Was wäre, wenn die Mauer fällt“, veröffentlichte. Der britische Meistererzähler Ian McEwan zählt Peter Schneiders „Mauerspringer“ zu den wichtigsten Büchern der deutschen Nachkriegsliteratur.

Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte Peter Schneider bei der Gründung des PEN-Clubs Berlin. Kaum hatte sich diese Schriftsteller-Vereinigung konstituiert, brachen interne Streitigkeiten aus. Inmitten des drohenden Tumults stand da in Gestalt Peter Schneiders ein mit solchen Flügelkämpfen nur allzu vertrauter Grandseigneur auf und mahnte, sich nicht in unnötigen Klein- und Scheingefechten zu verlieren. Nun ist Peter Schneider im Alter von 85 Jahren gestorben.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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