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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wirtschaft > Vier-Tage-Woche: Wird weniger arbeiten zur Utopie?
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Vier-Tage-Woche: Wird weniger arbeiten zur Utopie?

Christin Freitag
Zuletzt aktualisert 5. Mai 2026 09:49
Von Christin Freitag
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4 min. Lesezeit
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Als Andreas Claus im Pflegeheim Sangerhausen in Sachsen-Anhalt die Einführung der Vier-Tage-Woche verkündete, waren die meisten Mitarbeitenden skeptisch: Weniger arbeiten für dasselbe Geld – wie soll das funktionieren? Doch Claus setzte seine Idee durch: Seit Anfang 2026 gilt dort die 32-Stunden-Woche.

Inhaltsübersicht
Viele Deutsche wollen weniger arbeitenUnternehmer oft skeptischAndere Modelle einer Vier-Tage-WocheReform des ArbeitszeitgesetzesIndividuelle Entscheidungen

Viele Deutsche wollen weniger arbeiten

Eine Mehrheit der Deutschen will weniger arbeiten, das war das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Online-Karrierenetzwerks Xing von 2025. Das Modell der Vier-Tage-Woche bringe auch Vorteile aus Unternehmersicht, sagt Andreas Claus, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes in Sangerhausen: Die Krankheitstage der Angestellten in ihren Pflegeheimen hätten sich halbiert, Mitarbeitende kündigten seltener und die Bewerberzahlen stiegen stark an. Ob die Vier-Tage-Woche auch finanziell funktioniert, wird nach zwei Jahren geprüft. Wenn die Argumentation von Andreas Claus stimmt, stellt sich die Frage: Könnten wir nicht alle so arbeiten?

Unternehmer oft skeptisch

Wenn es nach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht, ist das aber die falsche Richtung: „Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes in Zukunft nicht erhalten. Deswegen müssen wir mehr arbeiten“, sagte er Anfang des Jahres bei der Industrie- und Handelskammer in Halle an der Saale. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung sind auch viele Unternehmer skeptisch, was die Vier-Tage-Woche angeht.

So geht es auch Floyd Janning. Er ist Anfang 30 und leitet ein Solarunternehmen in Hildesheim: „Für mich halte ich dieses 32-Stunden-Modell derzeit für utopisch“, sagte er im BR-Podcast „Die Entscheidung”. Er arbeite oft 60 bis 70 Stunden pro Woche. Janning sagt, er habe so viele Aufträge, dass die Mitarbeitenden kaum hinterherkämen. Bei einer Vier-Tage-Woche müsste er viele neue Mitarbeitende einstellen. Damit würden die Fixkosten des Unternehmens steigen. Zudem finde er kaum genügend Azubis, besonders im Handwerk.

Andere Modelle einer Vier-Tage-Woche

Neben der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich bezeichnet der Begriff „Vier-Tage-Woche“ noch andere Modelle, zum Beispiel Teilzeitarbeit, verteilt auf vier Tage: Man arbeitet weniger und bekommt weniger Geld.

Das erste Mal wurde eine solche Vier-Tage-Woche in Deutschland im großen Stil in den 1990er-Jahren bei Volkswagen eingeführt. VW wollte damals 30.000 Menschen entlassen. Die Vier-Tage-Woche war ein Kompromiss: Alle arbeiteten weniger, dafür verlor niemand seinen Job. Bis 2006 galt dieses Arbeitsmodell.

Ein anderes Modell der Vier-Tage-Woche wird zum Beispiel im Seniorenheim Münchenstift erprobt: Die Mitarbeitenden verteilen die 39 Stunden der Vollzeit auf vier Tage: Ein Arbeitstag hat dann etwas unter zehn Stunden statt knapp acht.

Reform des Arbeitszeitgesetzes

Momentan sind solche Modelle nur begrenzt möglich: Arbeitnehmer dürfen nur maximal zehn Stunden pro Tag arbeiten, keine Minute länger. Bundeskanzler Friedrich Merz will die Möglichkeiten flexiblerer Arbeitsmodelle erhöhen durch die Reform des Arbeitszeitgesetzes. Sein Plan ist, eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit festzulegen.

Traditionell komme Deutschland aus einer starren Aufteilung von Vollzeit und Teilzeit mit wenig Flexibilität, sagt Enzo Weber, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Regensburg: „Dementsprechend sind sich bei Flexibilisierung schnell viele einig.“ Aber man müsse einen Schritt weiter gucken: „Wer steuert eigentlich die Flexibilität?“ Kritiker befürchten, dass Arbeitnehmer nicht mehr genügend vor Ausbeutung geschützt sind, zudem steige bei überlangen Arbeitstagen die Wahrscheinlichkeit von Fehlern.

Individuelle Entscheidungen

Enzo Weber stimmt Merz zu, dass wir wegen des demografischen Wandels mehr arbeiten müssen. Doch das gelte nicht pauschal für jeden: Es gebe viele Minijobber und Rentner, die mehr arbeiten wollen und Frauen, die nach der Geburt eines Kindes nur schwer zurück in den Arbeitsmarkt finden. „Die Aufgabe von Politik ist nicht, den Menschen Ansagen zu machen, wie lange sie arbeiten sollen, sondern Unterstützung, Anreize, Rahmenbedingungen bereitzustellen“, sagt er. Auf dieser Basis entscheiden dann Menschen selbst: Mehr arbeiten wie der Unternehmer Floyd Janning oder doch weniger, wie die Mitarbeitenden im Pflegeheim Sangerhausen.

 

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Christin Freitag ist eine erfahrene Wirtschaftsjournalistin und Analystin, die sich auf Finanzmärkte, Unternehmensstrategien und Wirtschaftspolitik spezialisiert hat. Mit über 10 Jahren Erfahrung liefert sie fundierte Analysen und tiefgehende Einblicke für die Leser der WirtschaftsRundschau.
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