„Die Welt hat sich verändert. Ich spüre es im Wasser, ich spüre es in der Erde.“ Mit diesen Worten von Elbenkönigin Galadriel beginnt Peter Jacksons „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ vor rund 25 Jahren – ein Satz, der heute politisch aktueller nicht sein könnte. Denn Tolkiens Mittelerde ist längst zur Projektionsfläche geworden, die seit einigen Jahren vor allem die Neue Rechte in den USA für sich beansprucht.
Es passiert aber gerade nicht zum ersten Mal, dass Tolkiens Werk eine realpolitische Dimension zugesprochen wird. Schon in den 1960er-Jahren – lange vor Peter Jacksons Trilogie – wurde „Der Herr der Ringe“ bereits politisiert. In den USA sprühten Gegner des Kriegs in Vietnam Graffitis mit dem Slogan „Frodo lives!“ kreuz und quer an Wände in US-Metropolen, denn die Friedensbewegung las das Fantasy-Epos als Kritik am Vietnamkrieg und am aus ihrer Sicht ausbeuterischen Kapitalismus. Den „einen Ring“ deuteten sie in der Hochphase des Kalten Kriegs sogar als Metapher für die Atombombe. Eine Interpretation, die Tolkien selbst jedoch Zeit seines Lebens zurückwies.
Der 11. September als Wendepunkt
Die Anschläge auf das World Trade Center im Jahr 2001 markierten dann einen plötzlichen Wendepunkt für die pazifistische Lesart von „Der Herr der Ringe“. Denn Peter Jacksons „Die Gefährten“ erschien in den USA nur wenige Wochen nach den Anschlägen vom 11. September. Das Timing veränderte die Rezeption grundlegend: Ein traumatisiertes Land, das nach moralischer Orientierung suchte, fand im Kampf der Gefährten gegen Saurons Horden eine scheinbar klare Antwort: Wir, die Guten, gegen das unheimliche Böse. Und auch die Medien zogen Parallelen zwischen dem Ringkrieg und dem „War on Terror“ der Bush-Regierung. Als 2002 dann der zweite Film mit dem verhängnisvollen Titel „Die zwei Türme“ erschien, war die Assoziation mit dem 11. September nicht mehr zu bremsen. Das Antikriegs-Symbol der 1960er war zum Kriegsmythos geworden.
Heute findet sich diese politische Umdeutung vor allem im Umfeld einflussreicher Tech-Unternehmer und rechter Politiker. Eine der Schlüsselfiguren ist dabei der US-Investor, PayPal-Mitgründer und bekennende Tolkien-Nerd Peter Thiel. Den Herrn der Ringe hat er in seiner Jugend mehrfach gelesen. Von Tolkien inspiriert benannte er zum Beispiel seine umstrittene Datenanalysefirma „Palantir“ nach den Palantíri, den sehenden Steinen aus Tolkiens Mittelerde. Das Palantir-Hauptquartier im Silicon Valley trägt sogar intern den Namen „The Shire“, also Auenland, und Mitarbeitende werden dort als „Hobbits“ bezeichnet.
JD Vance bringt Tolkien in die Spitzenpolitik
Thiel ist jedoch nicht der einzige Tolkien-Fan im Dunstkreis reicher Investoren. Thiels prominentester politischer Weggefährte ist der US-Vizepräsident JD Vance. Vor dessen politischer Karriere war auch Vance Startup-Investor und gab seinem früheren Investmentfonds den Namen „Narya“ – benannt nach einem der drei Elbenringe. Hauptinvestor dieses Fonds war ausgerechnet Peter Thiel. JD Vance selbst sagt, der strenggläubige Katholik Tolkien habe mit dem Herrn der Ringe sein konservatives Weltbild geprägt. Thiel und Vance stehen mit ihrer Tolkien-Obsession aber nicht allein: Im Silicon Valley und darüber hinaus finden sich heute eine Reihe von Unternehmen mit Mittelerde-Bezug – von der Rüstungsfirma Anduril Industries über Rivendell Capital bis zu Elessar Labs.
Für Tech-Investoren und diverse rechte Politiker ist „Der Herr der Ringe“ heute darum mehr als ein Monolith, der seit Jahrzehnten Popkultur maßgeblich prägt. Für sie speisen Tolkiens-Werk und dessen Codes und Symbole ein gemeinsames Weltbild, in dem vermeintlich starke Männer nach Macht und Kontrolle streben. Eine Interpretation seiner Bücher, der Tolkien heute wohl laut widersprechen würde.

