Die Baugrube am Main in Aschaffenburg ist viele Meter tief. Seit 2020 wird hier an einem Regenüberlaufbecken für die Stadt gebaut. Beim tieferen Graben – in rund acht Metern Tiefe – stoßen die Bauarbeiter im März dieses Jahres auf etwas Ungewöhnliches: eine gut erhaltene hölzerne Struktur.
Die Stadt Aschaffenburg informiert das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege, die Wissenschaftler untersuchen den Fund – und die internationale Fachwelt ist begeistert, denn anfangs war man noch von einem frühneuzeitlichen bis neuzeitlichen Bauwerk ausgegangen. Doch die späteren Analysen ergeben Erstaunliches.
Außergewöhnlicher Erhaltungszustand
Der Grund für die erste Vermutung: der gute Erhaltungszustand des Holzes, das in rund acht Metern Tiefe freigelegt wurde. Aber die Untersuchungen der einzelnen Eichenbalken im Dendrolabor des Landesamtes ergaben ein völlig unerwartetes Ergebnis. Mit aufwendigen naturwissenschaftlichen Verfahren wurden die Jahresringe einzelner Eichenhölzer analysiert, diese Ergebnisse anschließend mit regionalen Eichenringchronologien abgeglichen. Das eindeutige Ergebnis: Es sind Eichen, die im 4. Jahrhundert vor Christus gefällt und verbaut worden sind. Laut Stefanie Berg, Leiterin der Abteilung Bodendenkmalpflege am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, 370 bis 250 vor Christus.
Fund stellt bisheriges Wissen über Eisenzeit in Frage
Aber nicht allein das Alter und der Erhaltungszustand machen den Fund spektakulär. Die Konstruktion aus der Eisenzeit besteht aus Holz und Stein. Das Bauwerk schloss – so ergeben es die ersten Untersuchungen – in Richtung Main mit einer versiert gesetzten Trockensteinmauer ab. Das sei für die Eisenzeit in dieser Kombination bislang ausgesprochen selten nachgewiesen, so Berg: „Ich bin total geflasht gewesen, weil es eben alles in Frage stellt, was wir wissen über die Zeit.“
Vor 2.300 Jahren Macht- und Wirtschaftszentrum?
Die Experten gehen davon aus, dass es sich um ein einst repräsentatives Bauwerk handelt. In Aschaffenburg existieren bereits herausragende Funde, die eine Siedlung in der jüngeren Eisenzeit Europas im Bereich der heutigen Altstadt belegen: etwa eine Tierkopffibel und einen goldenen Fingerring. Deswegen wird bereits seit längerem vermutet, dass sich im Bereich der heutigen Altstadt ein eisenzeitlicher Zentralort befunden haben könnte, also ein Macht-, Wirtschafts- oder Kulturzentrum in der Region. Über die konkrete Siedlungsstruktur des Ortes ist aktuell noch wenig bekannt. Der aktuelle Fund am Main besitze deswegen ein außergewöhnlich hohes wissenschaftliches Potenzial, so Berg.
Funktion der Anlage noch nicht geklärt
Von der archäologischen Ausgrabung und weiteren Untersuchungen erhoffen sich die Wissenschaftler neue Erkenntnisse, etwa zur Funktion des Bauwerks. Die aktuelle Hypothese: Es könnte sich um eine Hafenanlage handeln, gesichert sei das aber noch nicht, sagt die Leiterin der Abteilung Bodendenkmalpflege am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Berg. Die Grabungen und Dokumentationen gehen weiter, voraussichtlich noch die kommenden sechs Monate.

