Tommy Dorfman blickt mit großer Sorge nach München. „Ich habe ein bisschen recherchiert und diese Arena entdeckt“, sagt der ehemalige Konzertveranstalter aus New Jersey. Gemeint ist die „Munich Arena“, eine neue Konzerthalle für 20.000 Besucher, die 2029 am Münchner Flughafen eröffnet werden soll. Dorfman stört, dass der private Investor der Konzerthalle eine strategische Partnerschaft mit dem Entertainmentriesen Live Nation eingegangen ist. „Genauso hat es in den USA auch angefangen“, sagt Dorfman. Seine Warnung: „Wenn ihr denen den kleinen Finger reicht, reißen Sie euch den Arm ab.“
„Sie haben mir gesagt, dass sie alle meine Künstler blockieren“
Tommy Dorfman kämpft seit 16 Jahren vor Gericht mit Live Nation. Dorfman wirft dem Konzern vor, seine Karriere als Konzertveranstalter ruiniert zu haben, um ihn vom Markt zu drängen. Als Dorfman ein größeres Festival in den USA veranstalten wollte, habe der Konzern seinen Ruf systematisch beschädigt: „Sie haben mir gesagt, dass sie alle meine Künstler blockieren werden und die Tickets bei Ticketmaster“, behauptet er. Live Nation hatte Ticketmaster 2010 aufgekauft. Der Druck habe laut Dorfman dazu geführt, dass er als Veranstalter nie wieder Fuß fassen konnte. Mittlerweile verkauft er Internetanschlüsse.
Anwälte von Live Nation bestreiten Vorwürfe
Live Nation sieht das anders. Dorfman sei nie ein glaubwürdiger Veranstalter gewesen und habe aufgrund seines Scheiterns als Konzertveranstalter einen Schuldigen in Live Nation gesucht. „Der Fall wurde gründlich untersucht, und ein Gericht hat Dorfmans Vorwürfe entkernt“, schreibt der Konzern auf Nachfrage. Nach einem längeren Prozess gab ein Gericht dem Unternehmen 2018 in vielen Punkten recht, entschied aber auch, dass Dorfman wegen Diffamierung durch Live Nation weiterklagen dürfe. Die Auseinandersetzung läuft noch immer.
Kritik an Live Nation nach Kartell-Urteil
Doch Dorfman ist kein Einzelfall. In New York wurde der Konzern im April 2026 wegen illegaler Monopolbildung verurteilt. Die Geschworenen urteilten, dass Live Nation seine Marktmacht missbraucht habe, wodurch Kunden zu viel für Tickets gezahlt hätten. Jeffrey Kessler, der Anwalt der Bundesstaaten, sagte im Schlussplädoyer, Live Nation sei ein „monopolistischer Tyrann“. Unklar ist nun, ob der Konzern aufgebrochen wird. Laut Live Nation ist es unwahrscheinlich, dass das Urteil bestehen bleibt.
Für Diskussionen sorgten zudem interne Chats von Live Nation-Verantwortlichen, wie die Agentur Associated Press berichtet. Dort hätten sich Live Nation Mitarbeiter über Kunden lustig gemacht. Seit Jahren kritisieren Künstler*innen zudem zu hohe Extragebühren beim Ticketkauf und die Methode „Dynamic Pricing“.
Kritik an „Dynamic Pricing“ durch Live Nation
„Dynamic Pricing“ heißt: Ticketpreise sind nicht festgelegt und können teurer werden, wenn die Nachfrage steigt. Das Verfahren wird auf dem Konzertmarkt der USA von Live Nation praktiziert, weshalb manche Konzerte dort tausende Dollar kosten. Auch in Deutschland spüren Musiker die Folgen der explodierenden Preise durch Dynamic Pricing: indirekt. „Wenn gemerkt wird, dass hohe Ticketpreise aufgerufen werden können mit ‚Dynamic Prices‘, dann sehen verschiedenste Akteure, dass dort Geld zu verdienen ist“, sagt Mario Graute von Pro Musik, einem Verband für Musikschaffende.
Offener Brief gegen Wucherpreise am Konzertmarkt
Ein offener Brief von Pro Musik an die Bundesregierung, um Wucherpreise bei Konzerten zu stoppen, hatte zuletzt für viel Aufsehen gesorgt. Was Mario Graute kritisiert: Zweitanbieter kapern mit Hilfe von Bots die Online-Warteschlangen bei Ticketverkäufen und sichern sich so tausende Tickets, die zum Beispiel auf der Plattform viagogo plötzlich bis zu 5.800 Euro kosten würden. Der offene Brief fordert die Bundesregierung auf, eine Regulierung des Zweitmarktes auf den Weg zu bringen. Unterzeichnet haben unter anderem Die Toten Hosen, Nina Chuba oder Team Scheisse. Der Sänger der Band Timo Warkus erklärt: „Wir wollen nicht, dass eine Firma Tickets bei uns kauft und dann Fantasiegebühren draufschlägt.“
Das sagen Investor und Gemeinde Freising
Auch die Munich Arena bereitet Graute Bauchschmerzen. „Ob es sich zu einer Magendarmgrippe auswächst, wird die Frage sein“, so Graute, der Marktkonzentrationen im Musikbereich kritisch sieht. Hat all das Auswirkungen auf die Partnerschaft in München? Der Privatinvestor der „Munich Arena“ schreibt auf Anfrage, dass die Arena auch offen für andere Veranstalter sei. Aus dem Freisinger Rathaus, das derzeit die bauplanungsrechtlichen Grundlagen für die „Munich Arena“ erarbeitet, äußert man sich zum Urteil aus New York – das habe auf den Markt in Deutschland keine Auswirkungen: „Das Verfahren betrifft ausschließlich das Geschäft von Live Nation in den USA.“, heißt es.
Freisinger Opposition fürchtet Verkehrsbehinderungen
Kritik in Freising kommt von der Opposition, wo die ÖDP im Stadtrat auf Verkehrsbehinderungen und Flächenversiegelung durch die neue Arena verweist. Während Live-Nation-Kritiker Tommy Dorfman vor allem befürchtet, dass der Konzern durch Partnerschaften wie in Freising seine Macht auch in Deutschland ausweitet.

