Eine Gruppe Tänzer am Strand. Nicht im Studio auf glattem Untergrund, sondern im Sand, verbunden mit der Erde, dem Meeresrauschen, den Trommelklängen, der Luft. Die Lehrerin ist streng: Germaine Acogny, die „Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes“. Mittlerweile ist sie 82 Jahre alt, doch sie unterrichtet immer noch.
1944 im Benin geboren und im Senegal aufgewachsen ging Germaine Acogny Anfang der 60er Jahre nach Paris, dort lernte die ausgebildete Sportlehrerin den klassischen Tanz kennen, studierte Ballett und andere europäische Techniken und arbeitete mit dem Ballettchoreographen Maurice Béjart zusammen.
Gründerin der „Schule des Sandes“
1977 übernahm sie die künstlerische Leitung seiner Tanzschule Mudra Afrique in Dakar, später gründete sie eine eigene Tanzschule in Toulouse. 1998 ging Germaine Acogny endgültig zurück in die Heimat und gründete mit ihrem deutschen Ehemann ihre „École des Sables“, die „Schule des Sandes“ – 50 km südlich von Dakar, zwischen Meer und Savanne.
Immer ging es ihr in ihrer Arbeit um die Verbindung westafrikanischer Tanztraditionen mit Elementen des modernen europäischen Bühnentanzes. Auf den ersten Blick scheinen Ballett und afrikanische Tänze wenig gemein zu haben, doch Acogny sagt, sie seien gar nicht so verschieden, weil wir uns alle nur in sechs Richtungen bewegen: nach vorn, nach hinten zu den beiden Seiten und diagonal.
Die Beweglichkeit der Wirbelsäule
„In der Acogny-Technik geht es um die Präzision der Bewegung, um die Persönlichkeit der Tänzer, und um die Beweglichkeit der Wirbelsäule und des Beckens.“ Die Wirbelsäule sei die Schlange des Lebens erklärt sie. Tatsächlich sieht man den Takt der Musik in der Wirbelsäule der Tänzer, sie wirken dadurch ungemein weich, aber auch stark.
Der Dokumentarfilm „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“ von Greta-Marie Becker begleitet einen Workshop an der „École des Sables“: Tänzerinnen und Tänzer aus Äthiopien, Senegal, Burkina Faso, USA, Schweiz, Kongo, Benin, Belgien und vielen weiteren Länder Afrikas und der Diaspora sind gekommen, um etwas vom Spirit der Meisterin aufzunehmen und die Acogny-Technik zu lernen.
Politische Haltungen drückt sie mit Tanz aus
Hinzu kommen Ausschnitte alter Choreografien, Preisverleihungen und Gespräche mit ihr und ihren Mitarbeiterinnen. Einmal sieht man Germaine Acogny am Grab von Strawinsky in Venedig: Sie schüttet Vodka auf die Marmorplatte und zündet eine sehr dicke Zigarre für ihn an. Die Szene zeigt, wie sie auf die Welt reagiert: mit Sinnlichkeit. Sprache wird bei ihr Geste. Ideen, Ehrfurcht, aber auch Kritik, alles wird bei ihr Bewegung und Ritual – auch politische Haltungen drückt sie mit Tanz aus: 2010 antwortete sie mit einem zornigen Tanzstück auf eine als rassistische kritisierte Ansprache, die Nicolas Sarkozy 2007 auf einer Reise in den Senegal von sich gegeben hatte.
In „Fagaala“ arbeitet sie mit japanischen Butoh-Elementen und lässt männliche Tänzer die vergewaltigten Opfer des Völkermordes in Ruanda 1994 darstellen. Auch ein Stück gegen Polygamie hat sie entwickelt. Tanz ist bei ihr stets Befreiung auch vom kolonialen Blick der Zuschauer. Tanz ist Begegnung mit dem Anderen, sagt Germaine Acogny einmal im Film. Das Ziel sei es, den anderen mit dem eigenen Tanz in seinem Inneren zu berühren.

