Spielen gilt oft als Freizeitbeschäftigung und Zeitvertreib. Doch längst nutzen Bildungseinrichtungen, Unternehmen und sogar Präventionsprojekte spielerische Methoden, um Menschen zu motivieren und Wissen zu vermitteln. Ob Sprach-App, Fitness-Tracker oder Smartphone-Spiel: Viele Menschen begegnen dem Prinzip der sogenannten Gamification täglich. Dahinter steckt die Übertragung typischer Spielelemente auf andere Lebensbereiche.
„Gamification steht eigentlich dafür, dass Spielelemente in den Alltag übertragen werden“, erklärt die Spieleforscherin Linda Rustemeier von der Goethe-Universität Frankfurt. Spielerische Mechaniken prägen längst viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – oft, ohne dass sie als solche wahrgenommen werden. Dazu gehörten etwa Punkte, Fortschrittsbalken, Belohnungen oder Wettbewerbe. Bekannte Beispiele seien Sprachlern-Apps wie Duolingo, Fitness-Plattformen wie Strava oder das Smartphone-Spiel Pokémon Go. Das Ziel: „Die Motivation zu steigern, indem Alltagstrott spielerischer wird.“
Lernen, ohne es zu merken
Neben Gamification beschäftigen Rustemeier vor allem sogenannte Serious Games. Dabei handelt es sich um Spiele, die gezielt Wissen vermitteln oder bestimmte Fähigkeiten trainieren sollen. „Der Fokus liegt auf der Vermittlung von Wissen oder auch Training – aber bitte spielerisch lernen, ohne es zu merken“, sagt die Forscherin. Gerade für Schülerinnen, Schüler und Studierende könne das die Motivation deutlich erhöhen.
Die Themen solcher Spiele seien vielfältig. So vermittelt das Lernspiel „Hidden Codes“ der Bildungsstätte Anne Frank Wissen zur Radikalisierungsprävention. Ein weiteres Beispiel ist „Serena Supergreen und der abgebrochene Flügel“, das junge Menschen bei der Berufsorientierung unterstützt und traditionelle Rollenbilder hinterfragt.
Dabei gehe es auch um gesellschaftliche Teilhabe. Rustemeier legt in ihrer Forschung besonderen Wert auf gendersensible Gestaltung und digitale Barrierefreiheit. Spiele könnten helfen, früh verankerte Vorstellungen aufzubrechen. „Natürlich kannst du Ingenieurin werden, natürlich kannst du Physikerin werden“, lautet die Botschaft, die jungen Frauen vermittelt werden soll.
Spiele hätten zudem einen entscheidenden Vorteil: Sie könnten Aufmerksamkeit oft länger binden als klassische Lernformate. Ziel sei es, ein sogenanntes Flow-Erlebnis zu schaffen – also eine intrinsische Motivation, bei der Lernen als positiv und selbstbestimmt erlebt wird.
Warum die Spielwissenschaft mehr Aufmerksamkeit fordert
Für Rustemeier reicht die Bedeutung des Spielens weit über Bildung hinaus. „Wir spielen eigentlich den ganzen Tag“, sagt sie. Likes in sozialen Netzwerken, Swipe-Mechaniken bei Dating-Apps oder Ranglisten im Berufsleben seien Beispiele dafür, wie spielerische Prinzipien den Alltag prägen.
Auch in Bereichen, in denen reale Erfahrungen riskant oder schwer umsetzbar wären, kommen Simulationen zum Einsatz. Als Beispiel nennt sie Flugsimulatoren. „Das ist nichts anderes als Spielen“, sagt Rustemeier. Menschen könnten dort Rollen und Situationen trainieren, um im echten Leben besser vorbereitet zu sein.
Um die gesellschaftliche Bedeutung von Spielen stärker sichtbar zu machen, engagiert sich Rustemeier in der Deutschen Gesellschaft für Spielwissenschaft. Die noch junge Fachgesellschaft veranstaltet erstmals eine eigene Jahreskonferenz.
Ihr Ziel: Die Forschung zu Spielen stärker zu bündeln. Bislang werde das Thema auf verschiedene Disziplinen verteilt – von Pädagogik über Informatik bis Medienwissenschaft. „Wir brauchen eine Spielwissenschaft“, fordert Rustemeier. Spiele seien längst ein relevanter Bestandteil von Bildung, Kultur und gesellschaftlichem Lernen.
Der Weltspieltag erinnert damit nicht nur an die Freude am Spielen. Er macht auch deutlich, dass Spiele heute ein wichtiges Werkzeug sein können – für Bildung, Motivation und gesellschaftliche Teilhabe.

