Schneckenschleim-Forschung gibt es wirklich. Und sie könnte für uns Menschen großen Nutzen haben, etwa um nachhaltige Materialien in der Medizin oder für Hautcremes zu entwickeln. Ein Team um Franziska Jehle vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam hat sich den Schleim der Hain-Bänderschnecke – wissenschaftlich „Cepaea nemoralis“ – näher angeschaut. Und herausgefunden: Die Hain-Schnirkelschnecke, wie die in Deutschland weit verbreitete Schnecke auch genannt wird, produziert mindestens fünf verschiedene Schleimarten – die je nach Bedarf schmierig, haftend, schützend, abwehrend oder reißfest sind.
Fünf Schleimarten, wenige Zutaten: Das steckt drin
Das Team um Jehle hat für die jetzt in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten Studie (externer Link) die Bestandteile der verschiedenen Schleimarten der Hain-Bänderschnecke verglichen und konnte erstmals zeigen: Alle Schleimarten bestehen aus den gleichen Komponenten, nämlich vorwiegend aus Wasser, Glykoproteinen, Kollagen und Kalzium. Nur die Mengen variieren – je nach Eigenschaft, die der Schleim haben soll.
Je mehr Proteine und Kalzium der Schleim enthält, desto fester sei der Schleim, sagt die Wissenschaftlerin im BR24-Interview. „Und wenn die Schnecke zum Beispiel einen eher flüssigen Schleim möchte, etwa den für die Fortbewegung, dann haben wir gefunden, ist da weniger Kollagen und weniger Kalzium drin“, erläutert Jehle.
So stellen Schnecken ihren Schleim je nach Bedarf her
Für die Herstellung des Schleims hat die Schnecke verschiedene Drüsen. Im sogenannten Fuß, dem sichtbaren Leib der Schnecke, stellt sie den Schleim zur Fortbewegung her. Die anderen untersuchten Schleimarten produziert das Tier im Mantelgewebe – dem Gewebe, das an das Häuschen der Schnecke grenzt. Durch Umweltreize „wissen“ die Tiere, welchen Schleim sie gerade brauchen und herstellen müssen.
Das haben sich auch die Wissenschaftler zunutze gemacht. Brauchten sie für ihre Untersuchungen etwa einen Abwehrschleim, haben sie die Schnecken mit einem Pinsel gekitzelt, erklärt die Biochemikerin Jehle. Dann stellten die Tiere den Abwehrschleim her: „Und das ist auch so in der Natur. Ich denke, die spüren wahrscheinlich, wenn ein Insekt oder Sonstiges auf ihnen kriecht und dann stellen sie die Schleime her“, sagt die Wissenschaftlerin.
Von der Schleimspur zum Wundkleber?
Aus den gleichen Bausteinen – je nach Dosierung und je nach Bedarf – verschiedene Materialien herstellen zu können, diese Erkenntnis könnte auch uns Menschen nutzen. Etwa für Kleber, die auch bei Nässe kleben und die in der Medizin wichtig sind, wie für Wunden im Körper. „Es gibt sehr wenig Kleber, die im Körper kleben, das wäre ein sehr großes Potenzial“, betont Ute Rothbächer, Entwicklungsbiologin am Institut für Zoologie der Universität Innsbruck.
Oder auch, um neue feuchtigkeitsspendende kosmetische Produkte zu entwickeln, sagt Janek von Byern, langjähriger Projektleiter für Biologische Klebstoffe im Zoologischen Institut der Universität Wien. Beauty-Produkte auf Basis von Schneckenschleim gibt es bereits, einen Kleber für medizinische Anwendungsbereiche noch nicht. „Das braucht einfach noch ein bisschen Zeit, wenn man wirklich so tolle Eigenschaften herstellen möchte, wie die Schnecke das kann“, ordnet Franziska Jehle ein.
Schneckenfarm oder Labor: Woher soll der Schleim kommen?
Die für uns nützlichen Eigenschaften des Schneckenschleims zu nutzen sei entweder durch Nachbau des Glibbers im Labor oder vom Tier selbst auf Schneckenfarmen möglich, sagt Jehle. Wichtig sei aber bei Schneckenfarmen – die es für die Herstellung von Beauty-Produkten bereits gibt – darauf zu achten, dass die Tiere dort keinen Schaden nehmen, betont die Wissenschaftlerin.
Schneckenschleim ist nicht nur nachhaltig, weil er aus der Natur stammt. Er sei auch deshalb so besonders, weil „die Schnecke, anders als die anderen Tiere, die ich bislang erforscht habe, das einzige Tier ist, das mehrere Klebstoffarten produziert“, sagt der Biologe Janek von Byern.
Noch wissen die Forschenden um Franziska Jehle nicht, weshalb etwa der Schleim, mit dem sich die Schnecken fortbewegen, gleichzeitig schmiert und klebt und „warum das wirklich auf jedem Untergrund funktioniert.“ Ebenso wollen sie noch herausfinden, wie die Tiere die einzelnen Schleime genau produzieren. „Es gibt also noch sehr viele Themen, die wir uns anschauen wollen“, sagt die Wissenschaftlerin zu den noch offenen Fragen der Schneckenschleim-Forschung.

