Die Fahrradhersteller Winora, Haibike und Ghost sehen trotz der Insolvenz weiterhin Chancen für eine Zukunft. Derzeit suchen die Verantwortlichen nach einem Investor. „Wir sind sehr optimistisch, die Probleme zu lösen“, sagte der generalbevollmächtigte Rechtsanwalt Martin Mucha auf BR24-Anfrage.
Mutterkonzern hatte Insolvenzverfahren beantragt
Der niederländische Mutterkonzern Accell hatte am 5. August für seine deutschen Unternehmen ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Eine feste Frist für die Suche nach einem Investor gibt es laut Mucha nicht. Gemeinsam mit Accell-Deutschland-Geschäftsführer Joost van Schaik führt er derzeit Gespräche mit möglichen Geldgebern.
Eine „Handvoll Interessenten“ habe sich bislang gemeldet, sagte Mucha. Sie seien von sich aus auf das Unternehmen zugekommen. Nun soll die Suche weltweit ausgeweitet werden. Wie viel Geld ein Investor aufbringen müsste, will Mucha nicht sagen.
Rund 370 Beschäftigte – Abbau derzeit kein Thema
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der bayerischen Fahrradmarken soll sich zunächst nichts ändern. In den kommenden drei Monaten werden die Löhne und Gehälter über die Agentur für Arbeit abgesichert. Einen Personalabbau plant Accell-Germany derzeit nicht.
In Sennfeld bei Schweinfurt arbeiten nach Angaben von van Schaik rund 300 Menschen für Winora und Haibike. Beim Unternehmen Ghost in Waldsassen in der Oberpfalz sind es rund 70. Die Verantwortlichen wollen an dieser Mannschaft festhalten.
„Wir wollen das mit der gleichen Mannschaft wie bisher machen“, sagte van Schaik. Bereiche wie Forschung und Entwicklung, Personal, Marketing und Finanzen arbeiten bereits teilweise gemeinsam.
Mehr als 100.000 Fahrräder pro Jahr verkauft
Zuletzt verkauften Winora, Haibike und Ghost laut van Schaik zusammen „deutlich über 100.000 Fahrräder pro Jahr“ – unter anderem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Osteuropa.
Rund 80 Prozent der verkauften Fahrräder sind E-Bikes. Nur etwa 20 Prozent der Räder sind klassische Fahrräder ohne Elektromotor. Bei Mountainbikes liegt der Anteil an E-Bikes sogar bei etwa 90 Prozent.
Die Rahmen lässt Accell nach Angaben von van Schaik in Portugal, Taiwan und China fertigen. Die Montage erfolgt in einem eigenen Werk in Ungarn. In Sennfeld gibt es unter anderem ein großes Teilelager für den Handel. Die fertigen Fahrräder werden bei einem Spediteur in der Nähe gelagert. Rahmenbau und Montage finden in Sennfeld bereits seit 2019 nicht mehr statt.
Während der Eigenverwaltung dürfen die Unternehmen keine Verluste machen. Sollte sich kein Investor finden, müssten Winora, Haibike und Ghost abgewickelt werden, erklärte Mucha. Er betonte allerdings: „Das steht nicht zur Debatte.“
Irischer Investor will gesamten Konzern
Einer der Interessenten an einer Übernahme des gesamten Accell-Fahrradkonzerns ist der irische Investor Quanta Capital. In einer Pressemitteilung des Unternehmens wird bestätigt, dass Quanta aktuell ein mögliches Angebot prüfe. Die Gespräche mit den Insolvenzverwaltern seien noch in einer frühen Phase. „Unser wichtigstes Ziel wird es sein, die Gruppe wieder auf eine stabilere Grundlage zu stellen“, erklärte Quanta-Chef Mel Sutcliffe.
Sutcliffe ist Ex-Radprofi und verfügt über langjährige Erfahrung in der Fahrradbranche. Er gründete in Irland den Fahrradhändler Eurocycles und erwarb später die bekannte Fahrradmarke Raleigh Ireland. 2016 verkaufte er das Unternehmen an die jetzt insolvente Accell Group.
Zur Accell Group mit Sitz in der Niederlande gehören unter anderem auch die Fahrradmarken Raleigh (Großbritannien) und Lapierre (Frankreich). Dazu in Deutschland Ghost Bikes (Waldsassen, Oberpfalz) und in Sennfeld bei Schweinfurt Winora, Haibike und E. Wiener BikeParts (Fahrradteile).
Teil der Schweinfurter Industriegeschichte
Winora ist eine deutsche Traditions-Fahrradmarke. Firmengründer Engelbert Wiener begann vor mehr als 100 Jahren in Schweinfurt mit dem Fahrradbau. Seine Urenkelin Susanne Puello, die Winora zeitweise leitete und später Haibike gründete, erklärte auf BR24-Anfrage, die Insolvenz treffe sie und ihre Familie persönlich sehr. Besonders denke sie dabei an die Beschäftigten und deren Familien.
Mit Haibike brachte Puello das erste E-Mountainbike auf den Markt – zu einer Zeit, als die Branche dem Elektroantrieb noch skeptisch gegenüberstand. Später gründete sie das Unternehmen Raymon Bikes, in unmittelbarer Nähe zu Winora und Haibike. Ob sie selbst als Investorin einsteigen würde, ließ Puello auf BR24-Anfrage offen.

