Wäre glatt mal eine Straßenumfrage wert, ob irgendjemand spontan weiß, was der „fünffach umgedrehte Jambus“ ist? Gebildete wissen vermutlich, dass es sich um ein Versmaß handelt, aber ob sie es auch erklären können? William Shakespeare nutzte den fünfhebigen Jambus jedenfalls für seinen „Sommernachtstraum“ und romantische deutsche Übersetzer wie August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845) haben natürlich versucht, diese Verse möglichst silbengetreu zu übertragen.
Aber ist es heutzutage noch ein Vergnügen, solche Texte stundenlang anzuhören, selbst wenn sehr gute Schauspieler auf der Bühne stehen sollten? Regisseur und Produzent Michael Tasche hat da so seine Zweifel: „Es wäre schade, wenn so ein wunderschönes Stück wie der ‚Sommernachtstraum‘ aufgrund seines Alters, aufgrund seiner etwas schwereren Sprache, nicht mehr gespielt würde, oder auch nur von einem – ich sage mal – intellektuellen Theaterpublikum besucht würde. Also versuche ich schon, das Ganze etwas für ein breiteres Publikum zu öffnen.“
„So ganz einfache Sachen“
Michael Tasche hat den Sommernachtstraum neu übersetzt, gekürzt und jetzt in der Komödie im Bayerischen Hof in München als „total verrücktes“ Musical herausgebracht. Wichtig ist ihm, einen „lustigen“ Theaterabend zustande zu bringen, was ziemlich altmodisch klingt. Gemeint ist auch wohl eher: einen Sommernachtstraum zu zeigen, den wirklich jeder versteht, sogar jemand, der vom Gedanken an die Pausengetränke abgelenkt sein mag.
„Die Aufmerksamkeitsspanne, das habe ich bei mir selbst gemerkt – ich habe den sehr oft im Original gesehen – die ist irgendwann erschöpft, weil man die Sprache nicht mehr gewöhnt ist“, so Tasche: „Ich habe versucht, diese wunderschönen Bilder, die Shakespeare komponierte, diese wunderschönen Vergleiche mit irgendetwas, die alle zu behalten. Puck, Oberon und Titania, die Elfen, die sprechen weiterhin in gebundener Sprache, aber nicht im fünffüßigen Jambus, sondern im normalen Wechselreim, den wir von Eugen Roth kennen, von normalen Gedichten, so ganz einfache Sachen.“
„Da fehlt nichts“
Verständlich ist dieser Sommernachtstraum, zumal Michael Tasche auch noch einen fiktiven Elektriker auftreten lässt, der auf der Suche nach dem Sicherungskasten und durchgeglühten Stromleitungen scheinbar zufällig das Geschehen durcheinander bringt und plötzlich Teil der Handlung wird. Auch dies ein Stilmittel, das Publikum mit Shakespeares Poesie, wenn auch nicht mit dessen Versmaß, zu versöhnen.
„Ich habe einfach nur ein paar Sachen weggelassen, habe es ein bisschen gestrafft, gekürzt und habe mich eigentlich auf diese Hauptgeschichte konzentriert“, so Tasche: „Diese beiden Liebespaare, die durch einen Streit zwischen Oberon und Titania wechselweise verzaubert werden, sich dann in den Falschen verlieben und so weiter. Das Originalstück wäre sowieso dreieinhalb Stunden lang. Es war gar nicht so schwer, ein bisschen was wegzulassen, obwohl die Handlung im Prinzip komplett ist, da fehlt nichts.“
Komponist Bastian Pusch hat dazu die Songs beigesteuert. Mal tanzbare Nummern, mal eher weichgespülte Konfektion, nichts, was im Ohr länger hängen bleiben würde, aber das ist bei dieser Produktion womöglich auch gar nicht gewollt. Ein Lied, das nachhallt, würde die Aufmerksamkeit ja ebenfalls ablenken. Die Zuschauer fühlen sich offenbar geschmeichelt, applaudieren jedenfalls herzlich und machen den Eindruck, dass ihnen dieser vereinfachte Shakespeare durchaus behagt.
Ob Shakespeare gelacht hätte?
Die Mitwirkenden scheinen sehr unterschiedlich motiviert und talentiert bei diesem Versuch, einen eingängigen musikalischen „Sommernachtstraum“ zu präsentieren. Stimmlich kann da nicht jeder mithalten, manches wirkt eher wie auf einer Studentenbühne, auch wegen der mäßig überzeugenden Tonanlage.
Vielleicht saßen ein paar Theaterfreunde im Saal, die sich nach der berühmten Sommernachtstraum-Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy sehnten, dessen Hochzeitsmarsch zum populären Volksgut wurde. Aber auch das ist 200 Jahre her und gilt heute nicht mehr unbedingt als „lustig“, sondern klassisch-gediegen.
Komödien altern einfach schneller als Tragödien, auch sprachlich. Insofern ist das stete schweißtreibende Bemühen, sie irgendwie aktuell zu halten, tatsächlich „lustig“, aber ob Shakespeare darüber gelacht hätte?
„Ein total verrückter Sommernachtstraum“ in der Komödie im Bayerischen Hof München, bis 30. August.

