Geht eine linke, feministische Schriftstellerin auf die Wiesn: Es beginnt wie ein Witz und wird einen auch zum Lachen bringen, so viel sei verraten. Österreichs anarchischste Satirikerin sucht auf dem größten Volksfest der Welt einen potentiellen Partner, wie sie gleich auf der ersten Seite schreibt. „Ich bin Mitte dreißig und meine Ansprüche sinken mit der Zunahme der Alterserscheinungen. Hauptsache, bindungsfähig und nicht gewalttätig.“
Und so macht sie sich, eingezurrt in ein Dirndl und ausgestattet mit Gleitgel und Pfefferspray, auf den Weg zu einer der größten Exzess-Veranstaltungen der Welt. Dabei ist sie, die großer Fan von Menschenaufläufen jedweder Art ist, wie sie einmal in einem Interview verriet, ganz in ihrem Element.
Auf der Suche nach dem Wiesn-Mann
Das jetzt erscheinende Buch basiert auf einem Theatertext, den Sargnagel bereits 2020 unter dem Titel „Am Wiesnrand“ im Münchner Volkstheater auf die Bühne brachte. Beobachten, präzise beschreiben und auf die Spitze treiben – das kann Stefanie Sargnagel so gut, dass man auf diesem Spaziergang gar nicht mehr mitbekommt, wann die Realität aufhört und die absurde Satire beginnt.
Die Friseursalons sind gefüllt mit Münchnerinnen, denen die Haare blond gefärbt und zu aufwendigen Flechtfrisuren gesteckt werden: Kordelzöpfe, Gretchenschwänze, Kränze, Gräten, Kronen (…). Selbst die Wimpern werden eingeflochten. Ganze Frauengruppen, bestehend aus Töchtern, Tanten und Großmüttern, lassen sich ineinander verknüpfen, bis sie sich in einen großen deutschen Zopf mit zappelnden kleinen Gliedmaßen verwandeln, der wie ein Rattenkönig Richtung Festgelände wackelt.
Lesevergnügen zwischen Rausch und Realität
Angeheitert wie ein Schluck angewärmtes Bier schwappt man beim Lesen zwischen Realität und Absurdität hin und her. Und lässt sich nur allzu gern mitnehmen in die Beschreibungen von irren Attraktionen wie dem Flohzirkus, bei dem die Flöhe zur Belohnung für jeden ausgeführten Trick hinterm Ohr der Dompteurin etwas Blut saugen dürfen – das ist übrigens keine Erfindung.
Für zumindest ein Minimum an Recht und Ordnung sorgt die Polizei: Bei Sargnagel allesamt maximal 18-jährige Jüngelchen, die sich vor lauter Freude darüber, so viele Verhaftungs-Optionen auf einem Haufen vor sich zu haben, ausnahmslos kichernd und tänzelnd über den Festplatz bewegen. Getragen wird alles von Sargnagels typisch wienerischem, lakonischem Ton.
Bayern, Bier und Östrogen
Auf der Wiesn, im Auge des Orkans der bayerischen Nachbarschaft, weiß sie das ganz selbstkritisch einzuordnen: „Die Bayern sind grob wie die Österreicher, aber weniger geschwächt vom Wein, der den Körper eher auszehrt und nicht wie Bier einen schwammigen Panzer aus Östrogenen schafft, welcher einen gegen alle Herausforderungen des Lebens schützt.“
Gelassen, aber akkurat wie ein Schlachtbeil, beschreibt sie, was sie auf der Wiesn zu sehen bekommt: die kondensierte Absurdität menschlichen Verhaltens. Stefanie Sargnagel in einen ihrer Kunstfigur komplett gegensätzlichen Kontext zu setzen, funktioniert hier nicht zum ersten Mal. Anfang des Jahres erschien ihr Besuch auf dem Wiener Opernball im Rowohlt Verlag, und ein Besuch bei den Bayreuther Festspielen findet sich jetzt ebenfalls im neu erschienenen Buch. Auserzählt sind diese Versuchsanordnungen noch lange nicht – im Gegenteil, sie werden dabei immer besser.
„Dem Waldhornspieler tropft der Schweiß aus seinem hochroten Gesicht ins Blasinstrument hinein. Angestrengt saftelt er ins Blech.“
Ihren Traummann findet Stefanie Sargnagel auf der Wiesn diesmal leider nicht. Aber dafür finden wir etwas: eine Lektion in Gelassenheit angesichts des absoluten Chaos. Lakonische Süffisanz und die makabre Liebe zum menschlichen Grind – durch die Sargnagel-Brille auf die Welt zu blicken, tut zwar manchmal weh, ist aber ungemein befreiend. Die Frischluft-Watschn, die wir alle hin und wieder brauchen.
Stefanie Sargnagel: Oktoberfest. Ein Spaziergang auf der Wiesn, Rowohlt Verlag, 96 Seiten, 18 Euro.

