Viele kennen das: Man hat gerade mit Giro- oder Kreditkarte bezahlt, vielleicht noch schnell den PIN-Code eingegeben. Doch bevor der Zahlvorgang beendet ist, zeigt das Lesegerät mehrere Trinkgeld-Optionen. Wie wäre es mit 5 oder 10 Prozent, vielleicht aber auch mit 20 Prozent? Oder doch lieber kein Trinkgeld geben und das entsprechende, manchmal rot gefärbte Feld auswählen?
Weit verbreitet sind diese digitalen Trinkgeld-Optionen inzwischen in Restaurants, Cafés und Bars. Also in der klassischen Gastronomie. Das liegt auch daran, dass immer mehr Menschen ohne Bargeld unterwegs sind – früher aber in bar Trinkgeld gegeben hätten. Im Einzelhandel, etwa in Bäckereien und anderen Geschäften, ist das Ganze dagegen bisher die Ausnahme. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls eine Umfrage der Hochschule Fresenius aus dem November 2025 (externer Link).
„Manipulative Praktiken“: Verbraucherzentrale warnt
Klar ist für den Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv): Aktuell werden Kundinnen und Kunden teilweise unter Druck gesetzt. Es gebe manipulative Praktiken, sagt Felix Methmann, Leiter des Teams Recht und Handel, auf BR24-Anfrage. „Wenn zum Beispiel die vorgegebenen Prozentzahlen größer sind als die Möglichkeit, kein Trinkgeld zu geben“. Manchmal müsse man sich durch einen „Dschungel von Optionen“ klicken. Das veranlasse besonders unsichere Menschen, „etwas auszugeben, was man vorher vielleicht gar nicht so wollte“.
Digitale Trinkgeld-Möglichkeiten gebe es inzwischen teils auch in Eissalons, in der Gastronomie mit Selbstbedienung oder sogar vereinzelt in Schuhläden – das wisse man aus Verbraucherbeschwerden. Aus Methmanns Sicht ist das problematisch, weil der Service dort zur bezahlten Dienstleistung gehöre: „Dass die Eiskugel in die Waffel geschoben wird, das sollte nicht noch mal extra entlohnt werden.“
Grundsätzlich sei Trinkgeld freiwillig, betont der Verbraucherschützer. „Wo man einen guten Service und gute Qualität kriegt, wollen viele auch gerne Trinkgeld geben.“ Sein Fazit aus Verbraucherschutz-Sicht: „Am fairsten ist es, wenn alle Trinkgeld-Möglichkeiten die gleiche Farbe und die gleiche Größe haben – und keine Möglichkeit irgendwie hervorgehoben ist.“
Handelsverband Bayern: „Digitaler Taschenspieler-Trick“
Eine klare Meinung hat auch Bernd Ohlmann, Geschäftsführer beim Handelsverband Bayern. Laut ihm setzt der Einzelhandel im Freistaat bisher quasi nicht auf Trinkgeld bei der Kartenzahlung – und das soll so bleiben. Wer als Kunde bar oder mit Karte zahle, wolle den erwarteten Preis begleichen „und nicht auch noch mit irgendeinem Pop-Up ein schlechtes Gewissen eingeredet bekommen“, sagt Ohlmann auf BR24-Anfrage. „Wir sind nicht in den USA, wo die Angestellten auch im Handel von Trinkgeldern leben müssen, weil die Löhne dort ruinös sind.“
Über zwei Drittel der Kunden würden Trinkgelder im klassischen Einzelhandel ablehnen. „Der Vorteil des stationären Einzelhandels ist ja gerade Service und Beratung“ betont Ohlmann. Diese Trumpfkarte dürfe man nicht durch Trinkgeld-Druck entwerten, sonst könne der Kunde „direkt online einkaufen“. Klar sei auch: Manipulative Praktiken seien ein „digitaler Taschenspieler-Trick“, besonders wenn der Button „Kein Trinkgeld“ nur versteckt zu sehen sei.
Anders bewertet der Deutsche Hotellerie- und Gastronomieverband das digital gegebene Trinkgeld. Es handle sich um eine zusätzliche Möglichkeit, Wertschätzung auszudrücken. Der Dehoga-Rechtsexperte Jürgen Benad betonte gleichzeitig jüngst im „Spiegel“ (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt): Trinkgeld bleibe ein „freiwilliges Dankeschön“.
Umfrage: Gut die Hälfte fühlt sich gedrängt
Laut einer Umfrage im Auftrag des Verbraucherzentrale Bundesverbands spüren gut die Hälfte der Befragten Druck durch auffällige Prozent-Optionen. 36 Prozent fühlen sich demnach „voll und ganz“ gedrängt, 16 Prozent fühlen sich „eher“ gedrängt. Allgemein finden laut einer Bitkom-Studie (externer Link) 55 Prozent der Deutschen, Trinkgeld auch digital zu geben solle Standard sein.
Trinkgeld-Druck beim Bezahlen? Was helfen kann
Wer sich in solchen Situationen unwohl fühlt, kann für sich eine Grundsatzregel festlegen: kein Trinkgeld, immer eine bestimmte Prozentzahl – oder ausschließlich in einer klassischen Trinkgeld-Situation wie im Restaurant. Eine andere Möglichkeit laut Verbraucherschützer Methmann: „Man kann auch sagen: Ich bezahle grundsätzlich erstmal die Rechnungssumme per Karte – und Trinkgeld gibt es bei mir nur in bar.“ Dann könne man in Ruhe überlegen, ob und wie viel Trinkgeld man geben möchte.

