Vermutlich der Traum jedes Wahlkämpfers: Neuerdings schafft es der sachsen-anhaltinische AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider sogar mit einer Kaffeetasse in die Schlagzeilen. Sie trägt das Emblem der russischen Armee und sei ein „Mitbringsel von einer Russlandreise aus 2023 oder 2024“, wie er dpa erläuterte. Nach eigenen Worten verbindet der als „Vordenker“ des Landesverbands bezeichnete Politiker damit „nichts Besonderes“, wenngleich sich der Kommentator der BILD-Zeitung aufregte [externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt]: „Dieses Russen-Geschenk lässt tief blicken!“
Tillschneider erfreut sich vor der Landtagswahl am kommenden Sonntag einer erstaunlichen medialen Aufmerksamkeit, was verblüffenderweise auch für die von ihm maßgeblich mitgeprägte Kulturpolitik der AfD gilt. Während kaum jemand über die kulturpolitischen Vorhaben der anderen Parteien spricht, sind die entsprechenden Pläne der AfD seit Wochen in aller Munde.
„Bismarcks Reich auch heute noch Vorbild“
So heißt es im AfD-Regierungsprogramm [externer Link]: „Öffentliche Gebäude müssen von der Mehrheit der Bevölkerung als schön empfunden werden…“ Die staatlichen Leistungen an die Kirchen sollen „grundlegend“ reformiert werden: „Erst wenn die Kirchen unabhängig von staatlichen Geldzahlungen sind, können sie ihre positive Wirkung entfalten.“ Außerdem will sich die Partei für ein „unbeschwertes privates Feuerwerk an Silvester“ einsetzen. Und die Forderung eines „Landesbeauftragten für den Erhalt der Kriegerdenkmäler“ findet sich auch nur bei der AfD.
Allerdings passt dazu, dass die Partei eigens die preußisch-österreichische Schlacht von Königgrätz (1866) und den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 erwähnt: „Das von Bismarck gegründete Deutsche Reich hat in Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft Maßstäbe gesetzt, die uns auch heute noch als Inspiration und Vorbild dienen können.“
Die moderne Geschichtsschreibung schätzt das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 trotz des unbestrittenen Aufschwungs in Wirtschaft und Wissenschaft dagegen sehr kritisch ein. Demnach war diese Ära geprägt von Nationalismus, Kolonialismus und Imperialismus, was wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem Scheitern der Weimarer Republik beigetragen habe.
Bauhaus als „umstrittene Architekturschule“
So viel Entschlossenheit, den „Patriotismus zu fördern“, so viel Rückgriff auf die „nationale“ Historie, bis zurück zu den „Merseburger Zaubersprüchen“ aus dem Frühmittelalter, verstört und empört große Teile des Kulturbetriebs.
Programmatische AfD-Sätze wie „Die deutsche Identität ist auch das Resultat deutscher Kunst…“ und die Verunglimpfung des Bauhauses als „umstrittene Architekturschule“ und „Irrweg der Moderne“ werden weithin als Angriff auf die „Freiheit des künstlerischen Denkens“ und die „Offenheit gegenüber neuen Ideen“ verstanden, wie es in einem Manifest heißt [externer Link], das auf Initiative von Bundeskulturstaatsminister Wolfram Weimer zustande kam.
„Das wird sich bei uns ändern“
Kulturmacher schwanken zwischen Ironie und Besorgnis, wenn es um die AfD-Forderungen geht. So fragte sich das Feuilleton der „Süddeutsche Zeitung“ seitenfüllend [externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt], was eigentlich unter „Deutsch denken“ zu verstehen sei, das im Regierungsprogramm der Landes-AfD gefordert wird. Dort wird neben dem in Magdeburg begrabenen Kaiser Otto I., Reformator Martin Luther und Reichskanzler Otto von Bismarck auch der wegen seines Konzepts vom „Übermenschen“ umstrittene Philosoph Friedrich Nietzsche erwähnt, allesamt „Figuren, die Deutschland entscheidend geprägt haben“, wie die AfD betont.
Der Sender 3sat widmete der Auseinandersetzung um die AfD-Positionen unter dem Titel „Kampf um die Kultur“ eine 45-minütige TV-Doku [externer Link]. Auch dort trat Tillschneider prominent auf und forderte, dass es in Sachsen-Anhalt „zu jeder Zeit mindestens eine ‚Faust‘-Inszenierung“ geben müsse“. Dass sich in einer Aufzählung von Werken zu „deutscher Identitätsfindung“ im Regierungsprogramm neben Autoren wie Goethe, Schiller und Kleist auch Dramatiker Botho Strauß (Jahrgang 1944) findet, ist bemerkenswert: Seine Kritiker halten ihn für einen „Neuen Rechten“.
„Russisch eröffnet wertvolle Kommunikationsmöglichkeiten“
Während die AfD die deutsche Historie gern wie einst preußische Autoren als „Erfolgsgeschichte“ verstanden wissen will, hält sie den Islam als „politische Religion“ für unvereinbar mit dem „abendländischen Staatsverständnis“: „Moscheen müssen nicht als orientalische Prunkbauten weithin erkennbar sein.“ Damit ist ausschließlich Sichtbarkeit das Kriterium, obwohl die abendländische Architektur seit Jahrhunderten von orientalischer Ornamentkunst beeinflusst und fasziniert ist.
Die Beziehungen zu Russland will die AfD durch die Förderung des Russischunterrichts verbessern („eröffnet wertvolle Kommunikationsmöglichkeiten“) und dafür „akademisch gebildete russische Muttersprachler gezielt“ ansprechen und „als Seiteneinsteiger“ gewinnen. Sie sollen „Kulturleistungen von höchstem Rang“ erschließen helfen. Allerdings kommen die Deutschen bei russischen Klassikern wie Dostojewski und Tschaikowski eher schlecht weg.

