Immer mehr Firmen, die eigentlich nichts oder wenig mit Tracht zu tun haben, bringen Dirndl heraus. Das Münchner Designer-Duo Talbot/Runhof etwa oder der fränkische Sportausstatter Adidas. Sie alle setzen auf den Trend, dass auf dem Oktoberfest Tracht mehr oder minder Pflicht geworden ist. Es gilt dabei das Modegesetz: irgendwie wie alle auszusehen und sich trotzdem von allen zu unterscheiden. Und genau das verspricht ein Designer-Dirndl oder eines mit drei Streifen.
Adi-Dirndl? Marketing-Gag oder Diversifikation
Manches bleibt, anderes ändert sich. Vergangenes Jahr war das Adidas-Dirndl eher sportiv, diesmal ist es eher am traditionellen Dirndl mit deutlichem Dekolleté orientiert. Vergangenes Jahr wirkte es oben eher wie ein Poloshirt, diesmal wird die Bluse zitiert, allerdings mit durchsichtigem Gaze-Stoff. Das Ziel ist klar: nicht einfach den Erfolg vom Vorjahr fortzusetzen (viele Größen waren sehr schnell ausverkauft), sondern eine Variation zu schaffen, die klar sagt: Ich bin so was von 2026. Und also kenntlich macht, dass die Trägerin das aktuelle Modell trägt.
Wobei es zunächst wenig zu sagen hat, wenn etwas rasch ausverkauft wird. Künstliche Verknappung ist in der Luxusbranche eine gängige Methode, um die hohen Preise zu rechtfertigen. Aber warum wildern überhaupt Konzerne in fremden Gefilden? Gerade Sportfirmen verdienen seit längerem viel Geld mit Alltagskleidung – also mit Turnschuhen, die nie einen Sportplatz gesehen haben. Sie nutzen das Markenimage, also die ausgestellte Sportlichkeit, um Jacken oder Schuhe zu verkaufen. Ein Anzug ist zu förmlich? Mit Turnschuhen wirkt der Träger jünger und unkonventioneller. Es geht darum, neue Märkte jenseits der Turnhalle zu erschließen.
Ist das noch Tracht? Ist das noch Wiesn?
Aber funktioniert dieser Transfer auch beim Dirndl? Einige User kommentierten, dass das nichts mit Tracht zu tun habe, dass es eine urbayerische Tradition missbrauche. Tatsächlich hat das Dirndl nur sehr wenig mit Brauchtum zu tun. Es ist eine „erfundene Tradition“, wie der Historiker Eric Hobsbawm geschrieben hat. Denn Dirndl wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Städterinnen getragen, wenn sie aufs Land fuhren – es ist eine Phantasie-Kleidung, die bestimmte Elemente von oberbayerischen Trachten aufnahm, aber nie eine genaue Kopie einer bestimmten, originalen Tracht darstellte.
Dirndl ist wie die Jeans
Aber das änderte nichts daran, dass das Dirndl immer mehr zum Erkennungszeichen für Bayern wurde – und auch immer mehr für ein traditionelles Deutschland steht. Schon in den Dreißigerjahren waren Dirndl in Berlin sehr beliebt. 1972 trugen die Hostessen bei der Olympiade ein hellblaues Sportdirndl – das sollte Tradition und Moderne verbinden. Und übrigens war das Dirndl keineswegs immer Pflicht auf der Wiesn, das ist eher eine Millennial- und Gen-Z-Erfindung, also eine noch sehr junge Erscheinung.
Damit nähert sich das Dirndl immer mehr der Jeans an, wie die Dirndl-Forscherin Simone Eggers sagt. Ein Objekt, das sich von seinen Ursprüngen entfernt hat und einfach ein normales Kleidungsstück geworden ist – so wie die Jeans, die auch niemand mehr trägt, um Gold zu schürfen. Das Dirndl ist heute Fashion. Authentisch war es nie.
Als Fashion aber ist es für Designer interessant: Weil man mit ihr spielen kann. Und so werden Firmen weiterhin Modelle auf den Markt werfen. Und da Mode unbedingt Aufmerksamkeit liebt, wird gerne auch ein bisschen Skandal inszeniert: Denn nichts schafft mehr Hingucker als ein genau kalkuliertes Maß an Abweichung. Also dürfen wir gespannt sein, welches „nicht traditionelle“ und „nicht-authentische“ Dirndl als nächster Aufreger auf den Markt gebracht wird. Und gerade deswegen Käuferinnen finden wird!

