Cybermobbing kann bereits Kinder treffen. Besonders relevant sind jedoch digitale Angriffe und Ausgrenzungen für Jugendliche an weiterführenden Schulen, erklärt Psychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin. Der Experte forscht zu Gewaltprävention, Mobbing und Cybermobbing im schulischen Kontext.
Er betont: „Jugendliche sind besonders gefährdet, weil in ihrem Alter soziale Medien und Messenger wichtig sind und die Bedeutung der gleichaltrigen Gruppe besonders groß ist. Man möchte dazugehören und anerkannt sein.“ Sein Team hat deshalb gegen Cybermobbing den Präventionskurs „Medienhelden“ entwickelt, den Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter in den Unterricht integrieren können.
Empathie erhöhen im „Medienhelden“-Kurs
Der „Medienhelden“-Kurs dauert mindestens drei Monate. Schülerinnen und Schüler trainieren beim sogenannten sozialen Lernen auch ihre Fähigkeit zu Perspektivwechseln: Wer sich in die Motive und Ängste von Mobbing-Opfern und -Tätern, aber auch in Lehrkräfte und Eltern hineinversetzen kann, erhöht seine Empathie-Fähigkeit und entwickelt ein Bewusstsein dafür, wie verletzend Inhalte und das eigene Verhalten im Netz sein können.
Das umfassende Präventionskonzept verbessert nachweislich Medienkompetenzen und das Klassenklima – und senkt das Risiko für aggressives Cybermobbing signifikant, erklärt Scheithauer, der die Wirkung medienpädagogischer Angebote in Evaluationsstudien überprüft.
Flächendeckende Strategie zur Prävention fehlt
Eltern und Lehrkräfte benötigen laut Scheithauer ebenfalls Aufklärung über sicheres Surfen im Netz, etwa Tipps, wie ihre Kinder sichere Passwörter einrichten oder sich durch Blockieren aggressiver Accounts vor Cybermobbing schützen können.
„Kurzfristige Einzelmaßnahmen, etwa Workshops mit Vorträgen oder einzelne Präventionstage, wirken nicht nachhaltig gegen digitales Mobbing.“ Statt einzelner Maßnahmen, wie einem besonderen Projekttag, sollten Schulen auf wissenschaftlich fundierte und evaluierte Programme setzen. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung ISB hat dazu einen Leitfaden (externer Link) entwickelt.
Großes Interesse an Medienbildung und Prävention
Lokale Initiativen oder Webportale wie die EU-Initiative klicksafe (externer Link) fördern eine bessere Medienbildung: Das Team vom Zentrum für Kommunales Bildungsmanagement der Stadt München bildet in diesem Schuljahr rund 100 Freiwillige ab der achten Klasse zu sogenannten Medienscouts aus.
Die Schülerinnen und Schüler aus neun Berufsschulen, Realschulen und städtischen Gymnasien sind als Arbeitsgemeinschaften (AGs) organisiert und wollen passende medienpädagogische Konzepte für ihre Schule entwickeln. „Mit unserer Ausbildung der Medienscouts haben wir in fünf Jahren schon 40 Schulen erreicht“, erklärt Johanna Beier beim ersten Ausbildungstag 2026. Beier leitet den Kurs in der Medienbox am Campus42 in München (externer Link): „Es gibt inzwischen ein aktives Netzwerk für Medienbildung an den Schulen. Die Lehrkräfte sind froh über ihre Unterstützung.“
Die Medienscout-AGs entwickeln auch neue Angebote wie an einer Mittelschule die „Gaming-Mittagspause“, in der Medienscouts mit den Schülerinnen und Schülern der 6. und 7. Klassen ins Gespräch kommen. Einige Jugendliche engagieren sich als Referenten auf Fachtagungen, um Pädagogen und Experten darüber aufzuklären, welche Trends im Netz ihre Altersgruppe bewegen oder wie Schulkinder KI-Tools nutzen, um auf Social Media eigenen Content zu verbreiten.
Die Nachfrage an dem Münchner Medienscout-Programm sei groß, Anfragen dazu kämen aus ganz Bayern, so Beier. Das bayerische Landesprogramm des Kultusministeriums Mit Mut gegen Mobbing (externer Link) unterstützt Schulen dabei, ein respektvolles und sicheres Lernumfeld zu schaffen und eigenverantwortlich und kompetent mit dem Thema Mobbing umzugehen.
Gutes Schulklima senkt Belastung durch Cybermobbing
Zeit für soziales Lernen, gemeinsam erarbeitete Regeln im Miteinander und ein allgemein wertschätzendes Schulklima gelten als Schlüsselfaktoren für erfolgreichen Gewaltschutz an Schulen. Auf dieser Basis wollen Medienpädagogik, Peers und Lehrkräfte auch die Gefahren von Cybermobbing bekämpfen. Denn während die digitale Gewalt über Apps und Messenger zunimmt, zeigen wissenschaftliche Studien, etwa die Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC) (externer Link) der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Mobbing insgesamt nicht mehr Schülerinnen und Schüler belastet als in der Vergangenheit.
Schwerwiegendes gezieltes Mobbing betrifft zwar weiterhin eine Minderheit der Jugendlichen, doch die psychischen Folgen, wie soziale Isolation, Ängste bis hin zu Suizidgedanken, sind schwerwiegend. Angesichts neuer KI-Tools und der Verbreitung von Cybergrooming und Sexting ist eine umfassende und nachgewiesen wirksame Prävention nötig.

