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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Faszinierend hässlich: Die neue Brutalismus-Begeisterung
Kultur

Faszinierend hässlich: Die neue Brutalismus-Begeisterung

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 18. November 2024 16:47
Von Uta Schröder
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4 min. Lesezeit
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„Jemand hat mal gesagt, brutalistische Architektur erkennt man daran, dass man den Eingang nicht findet“, sagt Oliver Elser vom Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Er hat die Ausstellung „SOS-Brutalismus“ kuratiert und kennt sich aus mit seinen „Beton-Monstern“, wie er sie fast liebevoll nennt. Eine Bodybuilding-Architektur sei das, „die ihre Muskeln aufpumpt und die den ganzen Gebäudekörper zu etwas Skulpturalem und durchaus auch Übertriebenem hinauf katapultiert“.

Inhaltsübersicht
Brutalismus bedeutet keineswegs brutalBrutalismus in Bayern

Brutalismus bedeutet keineswegs brutal

Vor rund zehn Jahren fing es an mit dem Hype um den Brutalismus. Losgetreten von der ‚Brutalism Appreciation Society‘, einer Gruppe, die sich der Wertschätzung dieses Baustils verschrieben hat. Seitdem gibt es viele Instagram- und TikTok-Feeds, die voll sind von kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern dystopischer Beton-Objekte. Und das habe den Grund, sagt Oliver Elser, „dass diese Gebäude in den Fotos, die damals von ihnen angefertigt wurden, einfach unverschämt gut aussehen“. Der Brutalismus sei eine sehr fotogene Architektur.

Brutalismus bedeutet keineswegs brutal, auch wenn die Assoziation beim Anblick der Bauten naheliegen mag. Der Begriff geht auf den Architekten Le Corbusier zurück. 1947, beim Bau seiner berühmten Wohnsiedlung in Marseille, der Unité d’Habitation, sozusagen die Urmutter aller Plattenbauten, hat er zum ersten Mal die Betonfassaden unbearbeitet belassen. Also roh, französisch: Brut. Daher müsste man eigentlich nicht von Brutalismus sprechen, „sondern wir müssten so ein bisschen wie beim Wein oder Champagner von ‚Brut‘-alismus reden“, sagt Elser.

Brutalistisch gebaut wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 80er Jahre hinein, nicht nur im Dunstkreis der Sowjets, sondern auf der ganzen Welt. Gerne öffentliche Gebäude, Rathäuser, Schulen, Kirchen. Im Aufschwung der Nachkriegsjahre galt oft, je mehr Beton, desto besser. Der Brutalismus, er ist also quasi der Boomer unter den Baustilen.

Brutalismus in Bayern

Auch in Bayern gibt es schöne Beispiele aus Sichtbeton. Die Norishalle in Nürnberg, die Universität in Regensburg oder die Realschule in Vilsbiburg. Letzteres sei „ein Schulgebäude, was unbegreiflicherweise abgerissen werden soll und durch einen Neubau ersetzt werden soll, der viel teurer ist als das, was man ausgeben würde, wenn man den Bestand umbauen und entsprechend anpassen und sanieren würde“, sagt Elser. Außerdem zerstöre man ein „absolut fantastisches Schulfoyer in Sichtbeton, in einer Ausführungsqualität, die man nie wieder bekommen würde“.

Der Abriss ist laut Landratsamt Landshut beschlossene Sache. Für das Strafjustizzentrum in München, erbaut in den 70ern und aktuell vom Abriss bedroht, ist es noch nicht zu spät. Anna-Maria Mayrhofer von Architects for Future war Mitarbeiterin beim Projekt „SOS-Brutalismus“ und sagt über das Betonensemble an der Münchner Nymphenburger Straße: „Es gibt ganz viel geschlossene Fassade, also auch dieses Feiern von Beton. Man zeigt es nicht nur in einer kleinen Wandfläche, sondern gleich sehr übertrieben.“

Im Fall von Abriss und Neubau als Wohnhaus würden Emissionen von rund 24.000 Tonnen CO2 entstehen, sagt Jan Fries von der Initiative „AbbrechenAbbrechen“, die sich für den Erhalt des Gebäudes einsetzt: „Es gibt ausreichend Evidenz aus der Wissenschaft, dass der Erhalt und die Sanierung von einem Bestandsgebäude eigentlich immer nachhaltiger ist als jeder Neubau.“ Derzeit lässt das Bayerische Bauministerium in einer Machbarkeitsstudie prüfen, was mit dem Strafjustizzentrum, einem Stück bayerischer Brutalismusgeschichte, passieren soll.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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