Gab es je eine andere Option als einen gigantischen Knall, der das Ende von Oasis hätte besiegeln können? Natürlich nicht. Zu legendär war die Rivalität zwischen Liam und Noel Gallagher, zu chaotisch das Gefüge der mit Abstand schlagzeilenträchtigsten Britpop-Band. Ein außer Kontrolle geratener Streit im Backstagebereich eines Festivals bei Paris entzweite die Brüder 2009 endgültig, 15 Jahre redeten sie kein Wort miteinander. Dass sie je wieder gemeinsam auf der Bühne stehen könnten, wurde von Medien und Fans gleichermaßen bezweifelt. Von Noel Gallagher erst recht, der sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder mit seinem Bruder Liam auf der Bühne zu stehen.
Antworten darauf, wie die für unmöglich gehaltene Reunion-Tour im vergangenen Jahr zustande kam, kann auch die Doku „Oasis: Don’t Look Back In Anger“ nicht liefern. Obwohl Liam und Noel in der Disney-Produktion ihr erstes gemeinsames Interview seit 2009 geben. Aber dass die relativ wortkargen und noch immer notorisch fluchenden Working-Class-Heroes ihr Innerstes oder zumindest ein paar persönlichere Einblicke preisgeben könnten, damit hat niemand aus dem Filmteam gerechnet. Denn, so Dokumentarfilmer Will Lovelace kurz vor der Weltpremiere in Venedig, die Gallaghers seien einfach nicht die Typen, die sich in aller Ruhe über ihre Gefühle austauschen.
Fest installierte Kameras im Proberaum
Entsprechend wählte das Team von Lovelace und seinem Kollegen Dylan Southern einen anderen Ansatz: Die Bilder sollten sprechen. Gefilmt wurde bei den Proben, im Backstagebereich und während der Livekonzerte. Die Band-Interaktion wurde dabei nie unterbrochen. Im Probenraum wurden zahlreiche Kameras installiert – an der Decke, am Boden, vor und neben der Bühne, hinter dem Equipment. Das Filmteam selbst war nicht im Raum, saß in einem Container vor der Halle und beobachtete das vor allem zu Beginn angespannte Miteinander über Monitore. Ohne zu wissen, ob es zwischenzeitlich nicht doch nochmal knallen könnte zwischen den Brüdern, war die Hoffnung, am Ende einen Film zu haben über Versöhnung, Erlösung und Vergebung.
Das gelingt zwar nicht ganz, aber ein Gefühlsfeuerwerk ist die Doku dennoch. Was vor allem auf die Inszenierung zurückzuführen ist, die von „Peaky Blinders“-Serienschöpfer Steven Knight ausgearbeitet wurde. Dramaturgisch setzt er zum einen auf die Charakterunterschiede der Gallaghers und ihr jederzeit kippen könnendes Pulverfass-Verhältnis: der kontrollierte, aber latent nervöse Noel auf der einen, der unberechenbare Liam auf der anderen Seite.
Die Musik als emotionaler Anker
Der weit größere emotionale Anker allerdings ist die Musik und was sie mit den Fans und der Band macht: nämlich zusammenschweißen und ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen. Keine neue Erkenntnis, aber in der Umsetzung so effizient wie selten.
Für die Konzertaufnahmen wurden teils oscarprämierte Kameramänner ins Publikum geschickt, die normalerweise Spielfilme drehen. Ihr Auftrag: Emotionen und Geschichten suchen, auf der Bühne und vor der Bühne. Auch außerhalb der Musikarenen wurden solche Geschichten gesucht. Wobei die oft wie Fremdkörper und arg glorifizierend wirken – etwa wenn ein Prediger die Gallaghers mit biblischen Brüdern vergleicht.
Dann lieber zurück ins Stadion zu den lauthals mitgesungenen Hymnen, die vom ebenfalls oscargekrönten Sound-Mischer James Mather auf maximalen Bombast gepolt wurden. Denn das ist laut, gut und teils so immersiv, als wäre man wirklich Teil des Publikums. Dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde und man gar nicht anders kann, als sich mitreißen zu lassen, ist egal. Schließlich ist das die Aufgabe einer guten Musikdoku. Und die bekommt man hier zu sehen.

