Den richtigen Zeitpunkt finden, das ist wohl die größte Herausforderung am Aufhören. Wer zu früh aufhört, der verpasst vielleicht noch was. Wer zu spät aufhört, der läuft Gefahr sein Lebenswerk zu beschädigen und dann letztlich aus dem Geschäft gedrängt zu werden. Insofern sei den Toten Hosen immer wichtig gewesen, „dass wir uns das Ende selber setzen wollen“, sagt deren Sänger Campino. „Unstimmig waren wir, wann der richtige Zeitpunkt ist. Und das kann man nie genau festlegen. Das ist ein Bauchgefühl. Kann ich auch jetzt gar nicht so richtig erklären.“
„Trink aus, wir müssen gehen!“, das neue Album der Band, soll dann auch da das letzte sein. Nach fast 45 Jahren Bandkarriere, nach 19 Studio und unzähligen Liveplatten ist das ein großer Moment für Campino, Kuddel, Andi und Co. Die Idee, sich aus dem anstrengenden Release-Geschäft zurückzuziehen, hatte die Band schon vor zwei Jahren.
Ein Fernsehteam bei den Proben
Campino ist 63, da kann man schon mal etwas kürzer treten. Der Grundton für das damals geplante letzte Album war also gesetzt. Und auch die Titelfindung verlief ziemlich unkompliziert, sagt Campino: „Das war der erste Song, den wir überhaupt geschrieben haben. Also wir mussten alles von da an drumherum aufbauen.“
Bei den Proben und den Aufnahmen zum Album hat sich die Band von einem Fernsehteam begleiten lassen. Für die ARD-Doku Die Toten Hosen das letzte Album, abrufbar in der Mediathek. Sie zeigt, dass die Gewissheit, sich nun langsam aus dem Business zurückzuziehen, die Stimmung der Band deutlich geprägt hat. Da sei keine Euphorie gewesen: „Ich renne jetzt hier nicht raus und sage, toll, dass das jetzt das Letzte war, sondern ich bin betrübt.“
Den Punk aus der Nische in den Mainstream geführt
Und dennoch ist „Trink aus, wir müssen gehen!“ klanglich kein reines Abschieds- und Melancholie-Album. Stücke wie „Die Show muss weitergehen“ oder „Schlechte Nachbarn“ haben alles, was Hosenfans in Sachen Punk-Power erwarten.
Ein großer Moment ist dieses letzte Album aber nicht nur für die Band, sondern vor allem auch für die deutsche Punk-Rock-Szene. In den 80ern haben die Toten Hosen aus der Nischenmusik amtliche Chart-Erfolge gemacht. Mit Hits wie „Hier kommt Alex“ oder „Wünsch dir was“. Punkrock ist politisch und das hat die Band immer gelebt. Sei es mit Benefizkonzerten bei den Castortransporten in Gorleben, mit günstigeren Sozialtickets oder mit klarer Position in der Flüchtlingspolitik.
Letzte Platte mit einem Bonus-Cover-Song-Album
Und die Hosen sind die einzige deutsche Punkband, die auch in Südamerika die Stadien mühelos füllen kann. „Wir werden zu 100 Prozent unser letztes Konzert in Südamerika geben im Oktober und da können wir das schon mal üben, was es heißt endgültig den Abschied auch von der Bühne zu nehmen und insofern ist das ein schrittweiser Rückzug.“
Die letzte Platte erscheint zusammen mit einem Bonus-Cover-Song-Album. Die Toten Hosen mit befreundeten Musikern: Materia, BAP, Tees Ullmann oder Feine Sahne Fischfilet. Insgesamt 25 Songs des Abschieds also. Aber am Ende geht man niemals so ganz. Das weiß auch Campino und diese Tür hält sich die Band auch offen – was die Fans hoffen lässt. „Ob wir jetzt nochmal ein Stück rausbringen, um eine Benefiz-Single zu machen oder um anderen zu helfen, das steht auf einem anderen Blatt. Aber wir werden nicht mehr unser eigenes Leben reflektieren und dann eine Dramaturgie aufbauen, wie so ein Album zu verlaufen hat und so. Das ist alles auserzählt und das wäre jetzt das letzte Kapitel von diesem Buch.“

