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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > „Nie und nirgends fürchten“: Hans Maier ist gestorben
Kultur

„Nie und nirgends fürchten“: Hans Maier ist gestorben

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 9. Juni 2026 09:46
Von Uta Schröder
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7 min. Lesezeit
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Noch wenige Tage, dann wäre Hans Maier am 18. Juni 95 Jahre alt geworden. Doch wie die Familie der Katholischen Nachrichten-Agentur mitteilte, starb der frühere bayerische Kultusminister und einstige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken nach kurzer Krankheit am Montagabend in einem Münchner Krankenhaus – nur drei Monate nach seiner Frau Adelheid. Mit ihr war er mehr als 60 Jahre verheiratet. Aus der Ehe gingen sechs Töchter hervor.

Inhaltsübersicht
Nicht nur Handlungen, sondern auch Haltungen„Antwort wie bei Pontius Pilatus“„Ich dachte, es ist besser, du gehst“„Ich bezeichne mich lieber als 49er“„Ob auch etwas bleibt?“

Nicht nur Handlungen, sondern auch Haltungen

Nicht nur Handlungen seien wichtig, sondern auch Haltungen, sagte der damals bereits 89-jährige Hans Maier am Rande einer Solidaritätsdemonstration für die Kultur auf dem Höhepunkt des Corona-Lockdowns. Bei regnerischem Wetter hatte es sich der für sein Alter überraschend rüstige Ex-Politiker und Publizist nicht nehmen lassen, auf den Münchner Königsplatz zu kommen und für seine Grundwerte einzustehen, was viele Teilnehmer sehr beeindruckte. „Unser Ministerpräsident ist ja lernfähig“, so Maier mit einem für ihn typischen ironischen Unterton, auch wenn Markus Söder so manche „erstaunliche Volte“ geschlagen habe.

Überhaupt lohnte es sich stets, den klugen, bisweilen witzigen und oft philosophischen Anmerkungen von Maier zum Zeitgeschehen zuzuhören. So verwies der frühere bayerische Kultusminister gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ mal darauf, dass mit der Schule, der „scola“, ja im eigentlichen altgriechischen Wortsinn ursprünglich Muße verbunden worden sei: „Vor der Schule als Pflicht gab es schon die Schule als Muße – ganz ohne Nützlichkeitsdenken.“ Auch zweckfreie Bildung könne „sinnvoll und bereichernd“ sein. Auch das war als Plädoyer für mehr Haltung angesichts zunehmend hektischer Handlungen zu verstehen.

„Antwort wie bei Pontius Pilatus“

Anders ausgedrückt: Hans Maier hatte wahrhaft abendländische Prinzipien und kämpfte für seine Grundsätze, ohne dabei jemals zum Eiferer zu werden. Herzensbildung war ihm nach eigenen Worten wichtiger als Fachbildung. Ideologien waren dem überzeugten Christen, der von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken war, sowieso äußerst suspekt. Übrigens auch religiöser Fundamentalismus.

So wagte er es, den „bayerischen“ Papst Benedikt XVI. offen zu kritisieren [externer Link]. Joseph Ratzinger sei seinen Führungsaufgaben „nicht gewachsen“ gewesen: „Ihm fehlte der Wille und die Kraft, sich durchzusetzen. Deshalb trat er dann auch zurück.“ Die Haltung von Ratzinger zur Schwangerschaftsberatung sei „inkonsequent“ gewesen. Daraufhin zur Rede gestellt, habe der Kirchenmann ihm eine ausweichende „Antwort wie bei Pontius Pilatus“ gegeben.

„Ich dachte, es ist besser, du gehst“

Jemand, der es mit höchsten kirchlichen Würdenträgern aufnahm, der hatte natürlich auch keine Furcht vor bayerischen Ministerpräsidenten, weder vor Alfons Goppel („eine Art Prinzregent“), noch vor Franz Josef Strauß. Als letzterer („Er war ja manchmal sprunghaft“) das Kultusministerium 1986 in zwei Ressorts aufteilte, trat der anfangs parteilose Maier nach 17 Jahren Amtszeit zurück. Zuvor und danach hatte er Strauß mehrfach entschieden widersprochen, etwa beim Milliardenkredit für die DDR, aber auch beim Kreuther Beschluss über eine Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft zwischen CSU und CDU.

Umgekehrt wurde Maier, der zeitweise auch den Deutschen Bühnenverein leitete, vorgeworfen, nicht genug gegen „linke Lehrer“ zu unternehmen und einen Landesdenkmalpfleger aus dem „roten“ München berufen zu haben: „Kurzum, es gab dann Leute, die mir die Arbeit vergällten, und ich gestehe, ich habe mich dann 1986 nicht sehr gewehrt, als ich merkte, Strauß will mich loshaben, ich dachte, es ist besser, du gehst.“ Er sei eben „kein politisches Tier“ gewesen, so Maier in einem ausführlichen Gespräch mit dem Deutschlandfunk, und habe sich nach der politisch wild bewegten 68er-Zeit im Amt seine „Freiheit erst wieder erkämpfen“ müssen. Auf die rebellischen Studenten schaute er mit tiefer Skepsis zurück, unterstellte der damaligen Linken ein ungelöstes Problem mit Antisemitismus und nannte die Schwabinger Unruhen „burlesk“.

„Ich bezeichne mich lieber als 49er“

Geboren wurde Maier am 18. Juni 1931 in Freiburg im Breisgau in bäuerlichen Verhältnissen. Er habe das „unglaubliche Glück“ gehabt, dass es in seiner Familie „keinen einzigen Akademiker, aber auch keinen einzigen Nazi“ gegeben habe. Er sei daher in „kritischer Distanz“ zum NS-Staat aufgewachsen: „Wir waren ja alle nach 45 entschlossen, zu diesem ‚Nie mehr‘. Das hat unsere Generation geprägt, man spricht ja heute von der Generation der 45er. Ich bezeichne mich lieber als 49er. Denn ich bin mit dem Grundgesetz aufgewachsen.“

Nach seinem Universitätsstudium promovierte der konservativ-liberale Maier über „Revolution und Kirche“ in Frankreich und wurde 1962 zum Professor für Politikwissenschaft an die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) nach München berufen: „Damals war die Lage für den wissenschaftlichen Nachwuchs objektiv viel besser.“ Nach seinen Jahren als Kultusminister knüpfte er an seiner akademischen Karriere an und übernahm bis zu seiner Emeritierung 1999 an der LMU den renommierten Romano-Guardini-Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie. Den namensgebenden italienischen Denker hatte Maier als junger Mann noch selbst kennen und schätzen gelernt.

„Ob auch etwas bleibt?“

Nebenbei betätigte sich Maier als Domorganist und wusste diese Mischung aus Wissenschaft, Politik und Kultur sehr zu schätzen: „Ich glaube, man muss im Leben sehr viel wechseln. Man muss sich immer bereithalten für neue Herausforderungen. Bei mir kam noch dazu, dass ich so ein kleines literarisches und musikalisches Leben neben dem politischen führte. Auch das hat mir sehr geholfen, vor allem die Musik.“

Zum 90. Geburtstag sagte ein dankbarer Hans Maier [externer Link], er habe im Leben „viel Glück“ gehabt. Am wichtigsten war ihm in seiner eigenen Lebensbilanz, „sich nie und nirgends zu fürchten“. Der katholischen Kirche empfahl er, ihre Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, und attestierte Papst Franziskus dabei ein „manchmal schwer durchschaubares Vor und Zurück“. Überraschend deutlich sprach Maier von einer unheilvollen „Gehorsams- und Unterwerfungskultur“, die es zu überwinden gelte: „Mein Leben, mein wissenschaftliches Werk steht vor mir – eine ganze Menge Stoff, ein großer vollbeladener Heuwagen. Vieles wird herunterfallen, das ist sicher. Ob auch etwas bleibt?“

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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